Neujahrstag Abends.

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Da ist mir noch süße Jette als ein Neujahrsgeschenk Dein Brief gekommen und einer von der großen mit Einlagen von Lotte und Luise . Du gutes Herz hast solche Freude über die Zeichnung gehabt und nimmst sie so andächtig und tief daß es mir fast leid thut Dir neulich so scherzhaft darüber geschrieben zu haben daß es Dir fast ein Greul sein muß. Du treibst wol offenbar ein wenig Abgötterei damit meine holde Braut; aber soll mich denn das nicht freuen? ich lasse es mir so gern gefallen daß das Auge der Liebe mir schmeichelt und ich kann Dir gar nicht sagen wie es mich gerührt hat. Aber nun bitte ich Dich auch ganz ernsthaft mache Dir nicht nach dem Bilde ein Bild von mir das Du hernach in mir nicht wiederfindest. Meine Stirn hat wol etwas eigenthümliches und charakteristisches aber hübsch ist sie nur gar nicht, und auf meine Augen hat der Zeichner eben so wenig gutes zu sagen gewußt als ich. Du weißt wie ich immer klage über ihr unbewegliches gläsernes Wesen, und glaube daß sie mehr Jalousien vor meiner Seele sind als Fenster, und mich ärgere daß so wenig in ihnen zu lesen ist von dem was in mir vorgeht. Aber Du weißt es ist eine Rede und gewiß keine fabelhafte daß wenn Eheleute lange und wie sichs gebührt zusammen leben sie einander ähnlich werden. Nun sieh zu ob Du mich dazu nicht schon zu alt empfängst und laß sehen was du noch machen kannst aus diesen schlechten Augen. Nun aber laß mich klagen liebste Jette ich bin so böse auf mich selbst daß ich mich schlagen möchte und mich recht hart bei dir anklagen. Nicht nur daß ich dir thörichter Weise selbst die Ueberraschung verderbt habe sondern vorzüglich daß ich Deine ganze Weihnachtsfreude gestört und Dir Sorge gemacht habe. Mein geschriebener Buchstabe ist so hart und unbeholfen, alles unangenehme klingt noch einmal so schlimm als es gemeint ist; ich weiß das und hüte mich doch nicht. Freilich ist es nur die Sehnsucht Dir alles grade so zu geben wie es in mir ist; aber gerade bei diesem Gegenstande wo sich so viele unbestimmte Vorstellungen bei Dir einmischen müssen sollt ich mich am meisten in Acht genommen haben Dich nicht zu erschrekken. Ein etwas schwankender Zustand ist merklich aber es kann noch alles recht gut werden und als Du beunruhigt wurdest war ich gewiß schon über manches beruhigt. Laß Dich also recht inständig bitten jedesmal recht viel abzurechnen von alle dem was Du Dir bei meinen Nachrichten natürlicherweise einfallen mußte. Ich werde fortfahren Dir den Eindruk den die Umstände auf mich machen nicht zu verhehlen, sonst würdest Du vielleicht nur noch mehr in vergeblicher Sorge sein aber beobachte Du auch jenes immer und bedenke daß Du in der Entfernung nur durch einen Nebel siehst und also wieder verkleinern mußt was dieser vergrößert. So glaube ich auch daß es nur Deine und unserer Freundin Vorstellung von meiner Stimmung gewesen ist was auch Wehmuth und Spuren von Schmerz in dem Bilde sehn läßt; hier hat das wenigstens niemand gefunden. Ach wenn es Dich nur immer mit rechter Liebe anspräche Du liebevolle Beschauerin! wenn es Dir doch alles ausdrükte was ich vergeblich versuche Dir mit Worten zu sagen, jeden Morgen und jeden Abend. Dazu habe ich es dir eigentlich geschikt. Und so überlasse ich es ihm auch jezt Dir die süßeste gute Nacht zu bieten du Theure. | 1v

Mittwoch  über der Zeiled 4t. Abend Einzige Jette indem ich ansehe was ich auf der vorigen Seite geschrieben habe kommt es mir so abscheulich in einander gekrizelt vor daß Du ein wahrer Engel sein mußt von Geduld und Geschiklichkeit wenn Du es irgend lesen kannst. Schilt mich nur recht wenn ich es zu arg mache dann geht es wieder eine Weile besser. Ich habe jezt so schlechtes Papier, und meist wenn ich zu Dir komme schon abgeschriebene Finger und Federn vom Plato.

Nun sieh nur Kleine da ist gestern als ich abwesend war ganz unerwartet und überraschend dein Geschenk gekommen und hat uns große Freude gemacht. Du hast es zwar grade gemacht wie ich denn ich konnte es aus Deinem lezten Briefe ahnden aber weil noch gar nichts da war glaubte ich doch fast du meintest Dein Geburtstagsgeschenk und wollte Dich drüber schelten, zumal Du neulich schriebst Du hättest nicht schikken können was Du gewollt hättest. Eine Räucherlampe habe ich mir lange gewünscht, und diese ist nun gar ein zierliches kleines Geräth und Dein Thee das ist mir nun auch sehr lieb den zu trinken. Versucht ist er schon, und ich kann ihn gewiß jedesmal heraus schmekken ohne zu fragen. So gut geht es mir leider mit meinen  über den ursprünglichen Text geschriebendeinen Jabots nicht; ich kann sie nicht von denen unterscheiden die ich von Mine Reimer habe, und muß immer erst Nanny fragen. (Sage mir nur pflegst Du auch so eine konfuse Wirthschaft zu treiben wie diese kleine Frau? die wollte schon gegen Weihnachten entbunden sein, und nun läuft sie noch immer herum ganz frisch und gesund. Wie lange muß da ein armer Mann in der Erwartung und in der Angst sein!) Der Thee ist übrigens gestern angetrunken worden zu Ehren eines gar lieben Menschen nemlich des kleinen Thiel aus Anklam, der einer meiner ersten und treusten Schüler in Halle war, und wir halten gegenseitig große Stükke von einander. Ich bat ihn mit noch ein Paar ehemaligen Zuhörern zusammen, und unter denen ist mir dann immer ganz wohl. Ich pflegte sonst oft zu sagen die Zeit in Halle sei doch die schönste meines Lebens gewesen, so komme sie gewiß nicht wieder. Wenn ich das auch jezt noch sage vor solchen die von meinem neuen Glük nichts wissen so strafe ich mich freilich innerlich selbst Lügen dabei – aber Eins, das  | 2 frische Leben mit den jungen Leuten wird doch schwerlich ganz so wiederkommen, denn die Verhältnisse werden hier nicht ganz so sein. Aber was irgend geschehen kann wollen wir gewiß thun, und du sollst recht deine Freude haben wenn du siehst wie die Jünglinge mich lieben und sich von mir heranziehn lassen. Eigentlich habe ich auch dein Stammbuch schon auf die neue Universität berechnet denn jeder aus unserm engeren Kreise muß Dir wenn er sie verläßt etwas einschreiben, damit wir die vergangenen Zeiten immer lebendig erhalten und das Buch eine Art von HausChronik werde. Darum thut es mir nicht leid daß es wider deinen Wunsch so dik gerathen ist. Aber einzige Jette wie leid thut es mir daß du schreibst es sei doch keine rechte Freude und Heiterkeit gewesen an eurem Weihnachtsabend! Etwas hat freilich Lottens Gesundheit wol gethan, etwas auch daß wie Jette schreibt manches verloren gegangen und also nicht alles ausgeführt werden konnte wie es sollte, und vielleicht hat auch Luise Recht welche meint es sei nicht alles ganz gut eingerichtet gewesen. Aber was Dich betrift so bin ich doch vorzüglich Schuld daran daß ich Dir das Herz schwer gemacht habe um ungelegte Eier. Und was soll ich sagen liebste Jette? es kann doch sein daß ich dir noch manche kleine Freude im Leben verderbe durch meine angeborne Ungeschiktkeit oder Trägheit! Ich bitte dich schon um Verzeihung im voraus du süße, und es ist gewiß kein katholischer Ablaß den ich fodere, sondern nur auf Hofnung der Besserung von heute an – aber ich fühle es gar zu sehr, ganz wird es nicht ohne das abgehn. Wenn ich dir nur wenigstens manchmal recht große Freude mache für die kleine die ich Dir verderbe. Und das lasse dir nur auch ahnden süßes trautes Kind, und glaube nicht daß der Kummer und die Sorge überwiegen werden, und daß Dich mein Bild grade oft wird trösten müssen. Könnte ich Dir nur sagen, wie mich das gerührt hat. Aber dabei bleibt es doch daß es mir keinen Augenblik leid thut daß du grade in dieser Zeit mein geworden bist, und daß auch von dieser Seite gleich in die erste Freude der Liebe sich Wemuth mischt. Es ist ja auch das ein herrlicher kräftiger Genuß. – Heute ist für mich noch auf eine eigne Weise Neujahr, ich habe nemlich meine Vorlesungen wieder angefangen mit sehr gutem Muth und  | 2v auch mit merklich gebesserter Gesundheit, so daß du hierüber nun ganz ruhig sein kannst. Es kann nicht fehlen daß ich auf diesem Wege fortgehe, und wenn ich erst völlig schmerzenfrei bin dann will ich mich auch in Deinem Namen recht pflegen um so bald als möglich wieder ganz herauf zu kommen, viel achtsamer als ich sonst sein würde. Auch außerdem hat sich heute etwas angenehmes ereignet. Nachdem wir nemlich in den lezten Wochen ganz zum Lachen arm gewesen sind habe ich heute die Nachricht bekommen, daß die Regierung 600 Thaler für mich hat anweisen lassen. Das ist nun freilich auf einmal alles was ich bis zum Antritt meines Amtes das heißt bis zu Deiner Ankunft zu erwarten habe, und immer nicht genug um bis dahin zu leben und unser Haus einzurichten; aber die Quälerei wie sie zulezt war hört doch nun auf, und dann hat mir die Nachricht von dem Gelde auch die Zeit wo es alle sein wird wieder auf eine eigne Weise näher gebracht; denn es muß wenigstens noch reichen um zu Dir zu reisen. Siehst Du wie alles immer dieselbe Richtung nimmt, alles mich immer zu Dir führt. Und nun schlafe mir recht süß mit den lieben Kindern , und laß Dich nicht zu früh stören. Morgen früh bin ich gleich wieder bei Dir. So gut wird es mir jezt nur am Posttage gewöhnlich. Wenn nun erst kein Posttag sein wird! wenn die Worte unmittelbar von Mund zu Mund gehn, und die Liebe ohne Worte. Ja meine Jette laß es Dir nur immer sagen, wie ich dein bin und wie ich mich immerfort nach dir sehne.

Donnerstag. d 5t. Ach ich habe wieder nur noch zu ein Paar Worten Zeit. Süßesten Morgengruß und Abschied. Du schreibst meine Briefe wären sehr freundlich aufgenommen worden das kann aber wol nur von denen an Schlichtkrull gelten; denn Kathen hatte noch nicht einmal an Lotte etwas gesagt, also an Dich wol noch weniger. Nun wir wollen es abwarten. Mir wäre es nicht natürlich gewesen auf irgend eine andere Weise zu schreiben. Nun sagte ich Dir gern noch so viel von den Kindern, den lieben süßen Geschöpfen. Scheust Du Dich auch nicht zu sehr vor Sophie und Luise? Leztere schrieb mir, sie hätte selbst versucht Friedchen den Vaternamen zu lehren aber sie wollte es Dir oder mir nicht nehmen. Daß der Junge schon so hübsch regiert freut mich ungemein. Wieviel Du sie draußen halten sollst darüber

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Zitierhinweis

3022: An Henriette von Willich. Berlin, Sonntag, 1.1. bis Donnerstag, 5.1.1809. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006851 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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