Am 20ten. ging meine lezte Epistel an Dich ab – Heute als am ersten Weinachtsfeyertage must Du sie auch schon haben und wohl manches Lächeln darüber haben ergehn laßen. Alles was dir gefällig – nur kein peinliches Schweigen und peinlich und ängstlich wäre es nur dieses Jahr zu beschließen – wenn ich nicht noch vorher etwas von deiner Hand zu sehen bekäme – wenn Du nur noch selten wie in deiner lezten ausführlichen Epistel alles beantwortest so habe ich mich begnügen gelernt – nur in diesen Abenden war mir es außerordentlich traurig als ich mit der Seidliz im WeihnachtsGeschenk laß – daß du mir mein oftmaliges Anfragen darüber gar nicht beantwortest – Du hettest Uns hören sollen – bald versezten wir Uns nach Gibchenstein – dann wieder nach Ruegen – die Kathen ist ohne Streit darin zu finden und die Pistorius gewiß auch – Vielleicht waren Ernst und Agnes damals Jetchen und Willich – – aber die Sophie leßt mich eine Tochter des Reichard ahnden – Leonhard aber weiß ich nicht wer – in dem Joseph der zulezt komt – und nichts von langen Reden wohl aber vom Singen hält und von dem Geplauder der Frauen denke ich mir dich – der Alle und überall die Freude nur belauschet, und mit frohem Auge auch auf das Verwundende hinschauet – wie du dich in deiner damaligen Stimmung so wunderschön und lieblich ausdrükst – Ach wie habe ich Gestern in der kleinen Cristnacht – bei der Bescheerung – und auch in der großen Cristnacht bey dem treflichen Gesang an dich gedacht –! und an Jettens Gruß und kleine – auch muß ich wieder an deine Braut schreiben | 29

den 15t J(?) 1809

Seit Vorgestern bin ich so reich mein Lieber! an 3 Deiner Briefe an Jetchen – die mir ausnehmend gefallen – und ich ganz in mich aufgenommen habe – ich kome zwar nicht, wie es vor mehreren Jahren wohl der Fall gewesen wäre auf die wunderliche idée sie ganz abzuschreiben aber die vorzüglichsten Stellen will ich mir doch auszeichnen, und weil das nicht so geschwind und gleich geht – schikte ich ihr nur mit diesem Posttag da ein ganzes paquet auf die Insel geht, numer 10 zurük – 12 und 20 behalte ich noch Hier – ich hatte schon einen großen Brief an das süße Geschöpf in Bereitschaft habe nun noch etwas hinzugefügt – auch an große Jette geschrieben – daher du wohl nicht zürnen wirst – daß ich es nicht über Berlin geschikt – – das trauliche Du, habe ich ihr schon zugerufen ehe ich ihren lieben Brief erhielt und hoffe sie wird es gern erwiedern – die Herliche! wie hat sie mich entzükt in ihrem Briefe mit ihrer Anspruchslosigkeit von gewöhnlichen Geschöpf! ach wie wäre es nur anders möglich als daß alle meine Gedanken mit dem Andenken an sie die Holde sich verweben – Du hast recht daß ich ganz verliebt in sie bin! Ach wann werde ich sie sehen – Jette Herz schreibt sie zweifelt gar nicht daran, wenn nicht etwa ganz natürliche und erfreuliche Hindernisse in den Weg treten – die können aber doch kommen – dann ists auf einige Jahre vorbey – und vielleicht Hienieden auf immer – ich dachte – Du kämest noch dieses Jahr im schönen Herbst – denn das Geld was dazu gehört wird gewiß auch komendes Jahr geborgt werden – das wäre dann doch einerley – Die gute Seidliz die Dich grüßt – so wie meine Kleine Emilie und Bertha – zweifelt auch an Eurer Reise 1810 und wünscht es mit mir für dieses Jahr. – Nun mein Bester – ich will diese confuse Epistel nicht länger aufhalten

Wirst Du niemals dazu kommen, den längst angekündigten Roman zu schreiben oder doch sonst ein Buch wenn es auch einen andern Titel hat – worin alles das erscheint was du dir vorgenommen! oder sonst was schönes genießbares für mich

sende dir hier einen alten Brief von der Pistorius und den kleinen Zettel zurük – ersterer hat sich seit unserm lezten Ersehn hier verhalten.

Was ist Deine Braut für eine Gebohrne? wann ist ihr Geburtstag?

Zitierhinweis

3009: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Wohl Gnadenfrei, Sonntag, 25. 12. 1808 bis Sonntag, 15. 1. 1809. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006838 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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