D 7t. Dec.

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Es ist mir so süß wenn Alle im Hause schlafen dann noch zu Dir zu kommen und meinem Vater – meinem Geliebten mein ganzes Herz darzulegen. Mir steht morgen etwas bevor wobei Deine ganze Theilnahme mich begleiten würde wüßtest Du darum – Ich werde morgen zum erstenmahl Stralsund wiedersehen – das Bild des theuren Mannes , die ganze Vergangenheit mit allen Freuden und Leiden wird lebendig vor mir treten

O lieber Mann könnte ich an deiner Hand durch die Straßen gehn, könnte ich dort bloß dem Andenken des Theuren leben – aber leider führen mich Geschäfte hin die meine ganze Besonnenheit fordern. Ich hätte es so gern mir abnehmen lassen, und wäre lieber ein ander mahl hingereiset wenn ich hätte ruhig meinen Gedanken und Empfindungen nachhängen können; aber man will mir nicht zugestehn daß das angeht.

Ich kann Dir nicht genug sagen wie Du mein Inneres getroffen nehmlich in Deinem Briefe an Lotte Pistorius den sie mir gestern schickte – wie Dir Ehrenfried erschienen sei und wie sein Wesen Dir Freude und Liebe gesprochen. Warum Du Theurer hast Du mir nicht auch davon gesagt? Ich hatte auch an Deinem Geburtstage lebhaft an ihn gedacht – aber ganz besonders lebendig und bleibend gegenwärtig ward er mir nach dem Lesen Deiner Worte. | 80v

O mein Ernst es ist ganz etwas wunderbares darin wie Du durch ein leises Wort mich treffen und aufregen kannst – wie mein ganzes Wesen ein Echo des Deinen ist – Ich habe es so innig wieder empfunden mit welcher außerordentlichen Liebe ich unsern himmlischen Freund liebe und wie es schön ist unser gegenwärtiges Glück recht innig mit meiner Vergangenheit zu verbinden – und wie Du so herrlich darin bist – wie mein Herz lange nicht einen solchen Reichthum an Liebe an alles umfassender Liebe und Treue hat wie das Deine – wie ich immer erst von Dir zum Schönen entzündet werden muß – Ach ja mein Ernst wir wollen ihn immer recht unter uns haben den theuren Vater unserer süßen Kinder ! Ich fühle daß mir sehr wehe sein wird morgen aber doch gewiß dabei ganz ruhig und voll Zuversicht zu seiner Liebe. – Die gute Sophie wird mit mir sein es hat mir sehr wohl gethan daß sie sich jezt so theilnehmend an allem Kleinen was zu unserm künftigen Leben gehört, bezeigt; so wie Louise auch – Beiden danke ich recht im Innern des Herzens dafür sie sind nun da es auf wirckliche Hülfe ankomt Beide gar zu brav. Mich schmerzt es ordentlich daß ich gestern so ein Wörtchen schrieb welches als Tadel klingen konnte. Ich habe es innig bereut und Du köntest mir keine größere Liebe thun als es auf dem Papier und in Deinem Gedächtniße zu vertilgen. Ich verdiene ihre Liebe gar nicht daß ich mich unterfangen konnte an ihrem gerechten Schmerz etwas auszusetzen. Laß mich Deine Hand mit meinen Küssen bedecken und mein Gesicht an Deinem Busen verbergen. Mein unaussprechlich geliebter Mann! | 81v

Freitag d 9

Die schrecklichen Stürme haben uns das Reisen unmöglich gemacht es ist bis Montag verschoben –

Ich werde der alten Tante recht viele Grüße von Dir bringen.

Hier hast Du einen Brief von unserer herrlichen Lotte . | Ich habe lezten Posttag keinen Brief von Dir gehabt nun hoffe ich auf morgen ganz gewiß. | Daß ich Deinen süßen Worten die Du mir an Deinem Geburtstage geschrieben nicht bei mir habe kann ich kaum aushalten. Jette wünschte so sehr daß ich ihr den Brief ließe sie konnte keine Ruhe in der kurzen Zeit finden daß wir beisammen waren um ihn zu lesen – nun wird es mir schwer – ich habe alle diese Tage so viel Sehnsucht darnach gehabt.

Mein Herzens Ernst ich werde jezt ganz besonders an die Vergangenheit erinnert so wie ich mir ein Bild aus unserm schönen künftigen Leben ausmahle stellt sich mir vor – so war es damals – das ist mir besonders gekommen bei dem Denken an die äußere Einrichtung. So viel kleine Züge die sonst ungeweckt in mir ruhten sie werden mir erinnerlich – wie vieles rührt mich auf das tiefste! und mit Wehmuth erfüllt mich manches wovon ich sehe wie mangelhaft es war und wie dies Mangelhafte von mir allein ausging – Ach ja süßer Ernst ich war doch | 81 eigentlich Ehrenfrieds nicht werth, ich kann es nicht eigentlich Reue nennen die ich fühle denn ich war wircklich im Ganzen ganz was ich war und sein konnte aber obwohl ich allen Ernst dafür hatte war ich doch nicht reif für den großen Beruf, besonders in Hinsicht des Äußern das ja aber seine Wirkungen so weit über das Innre verbreitet. Mich kann das mit innigem Weh erfüllen!

O Ernst es ist doch ganz wie ein Traum daß er einst mit uns lebte! | Glaubst Du es wohl recht mein süßer Ernst daß er ganz glücklich und innerlich befriedigt sich durch mich gefühlt hat? er hat es mir nie anders fühlen lassen, denn die kleinen Verstimmungen die ich durch launenhaftes Wesen ihm bisweilen erregte, kann ich wohl dahin nicht rechnen, das war schon von mir abgefallen ehe ich ihn verlor – aber dennoch muß ich oft daran zweifeln wenn er es sich auch nicht bewußt gewesen ist – Ach Ernst der gute herrliche Mann! | Welch ein Gemisch von tiefer Wehmuth von unaussprechlichem Glück ist in mir. So rein wie ich dieses genießen werde so fühle ich muß ich auch jene in mir hegen wenn vollkommen harmonisch mein inneres Leben werden soll – Alles dumpfe trübe ja das wird ganz abfallen wenn ich bei Dir bin, ist es doch wahr daß Deine Briefe schon diese Kraft haben. | Mein Vater mein zärtlich Geliebter laß mich immer in Deinem Herzen wohnen – ich bin ganz Dein Geschöpf. Du bist mein guter Engel der mich zu allem Schönen hinauftragen wird.

Zitierhinweis

2966: Von Henriette von Willich. Mittwoch, 7.12. bis Freitag, 9. 12. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006795 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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