Piwik

Halle den 7ten Xber 08.

Durch ein sonderbares Zusammentreffen von Umständen, muß ich Ihnen theuerster Schleiermacher diesmal in der größten Eil und mit einer keinesweges erwünschten Gelegenheit schreiben. Karolinens Reise war nehmlich auf 14 Tage wenigstens hinaus gesetzt, als die schnelle Abreise des KammergerichtesRath Schütz sie bewog diese Gelegenheit zu benutzen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen wie unangenehm mir diese Reise ist, ob ich gleich wenig dagegen einwenden konnte und dem guten Mädchen die Freude, die Zufriedenheit der Berliner zu theilen nicht misgönnen kann. Nur fürchte ich ihr Aufenthalt in Berlin wird länger dauern als sie es glaubt und als ich es wünsche. Sie will mit Müfling zurük, aber wer weis wann das geschehen kann, wie leicht etwas könnte | 37v anderer Seits nicht so manches geschehn was ihre Rükreise bedenklich, ja unmöglich machen könnte. Sie verstehen mich, sollte nicht bald vielleicht etwas geschehn? und ich durfte davon auch gar nichts merken lassen. Dann freilich wäre sie in Berlin freilich besser aufgehoben als bei uns, aber mir würde viel Muth und Lust abgehen. Da dies nun aber einmal nicht zu ändern so hoffe ich wenigstens ihr Aufenthalt in Berlin soll für mich nicht ganz verlohren sein. Sollte es Ihnen jetzt nicht mehr als je möglich sein über den Zweifel den wir beide empfinden zur Gewisheit zu gelangen. Sie haben mir versprochen das Ihrige zur Lösung desselben zu thun. Lassen Sie mich wo möglich nicht lange in dieser peinlichen Ungewisheit. Ich selbst, sei es nun meine Schuld oder nicht stehe in dieser Hinsicht immer noch auf dem alten Flek. Auch in meiner Lage will sich immer | 38 noch nichts ändern. Dies alles und die politischen Verhältnisse machen mich oft so mismuthig daß ich mich recht zusammen nehmen muß um nicht aufzufallen. In dieser letzten Hinsicht ist meine Ungeduld groß, ich sehe jeden Augenblick für sehr wichtig an und es dauert mich ihn für verlohren achten zu müssen. Möchte sich doch bald diese Ungewisheit zu unserer Zufriedenheit lösen. Die Schwierigkeit wächst mit dem Verzug und nur Schnelligkeit sichert den Erfolg. Ich bin durch den hier durchgereißten E. von allem unterrichtet und wünsche nur daß man endlich zur Ausführung schreite. Dieser Brief scheint mir so sicher daß ich die gewöhnliche Vorsicht vernachläßigen zu können glaube. Bei wichtigen Gelegenheiten könnte man sich der Milch bedienen um zwischen unbedeutende Zeilen zu schreiben, etwas stark erwärmt wird die Schrift sichtbar. Ihre Komödie mit Davoust hat uns sehr belustigt sie ist schon auf andere Wege | 38v durch Briefe hierher gelangt.

Wie lange soll denn noch das Stillschweigen währen was Sie uns in Ihren Angelegenheiten auferlegt haben? Werden wir uns nicht bald mit Ihnen über Ihre Verbindung freuen können?

Möchten Sie doch Karolinen recht oft sehen, ich fürchte sie kömmt sonst eben in keine sonderliche Geselschaft. Es sind mir hier ganz wunderliche Dinge zu Ohren gekommen über den Ursprung des Vermögens ihrer Tante. Sie selbst klagte mir schon die Geselschaften dieses Hauses seien langeweilig. Wenn sie nur nicht gar zu lange in Berlin bleibt, ich weis nicht warum ich es fürchte aber ich fürchte es wohl sehr. Lassen Sie mich doch ja bald wissen wenn sich irgend eine Ihrer Vermuthungen bestätigen oder wie ich hoffe widerlegen sollte. Steffens reißt auch nach Jena zu Rumors Schwester , das werden traurige Feiertage für mich werden. Leben Sie tausendmal wohl mein theuerster Schleiermacher.

Blanc

Zitierhinweis

2965: Von Ludwig Gottfried Blanc. Halle, Mittwoch, 7. 12. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006794 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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