Poseriz den 30t 9br.

22

Wir sind alle hier und ich schreibe Dir ein Paar Worte. –

Ich komme nicht liebes Herz – erstlich ist es hier gar nicht mehr vor Winter sondern mitten in ihm und dann haben manche Unannehmlichkeiten sich theils verloren, theils vermindert und viele danns giebt es noch – Ich gehe mit Euch nach meinem Berlin zurük.

Noch ein Wort wegen der Wohnung – Ihr wohnt sehr eng – besonders ist der Schlafraum zu klein – und unheizbar, wird nun ein großer oder Kleiner krank so muß gleich in der Wohnstube das Krankenzimmer sein und das ist sehr schlecht – Jette und ich meinen nur daß unsere Nanny die Eßstube bewohne, ihre Stube zur Schlafstube genommen werde, die Kammer nebenbei zu allen Bequemlichkeiten und die andere Kammer als ein niedliches Kabinet eingerichtet werde – es ist nahe am ofen und kann, wenn man will mit warm werden.  Vornehm und gering ißt ja jezt in Wohnstuben und bis ich komme habt ihr ja noch die unteren. Glaube es mir mein Ernst daß du mit | 79v den Kindern zu eng schläfst und daß wenn es aufgeräumt und ordentlich sein und nicht bloß scheinen soll man einigen Raum braucht – erlaße mir eine lange Theresiade die ich hier machen könnte. Nanny ist gewiß meiner Meinung – obschon sie ein bischen reducirt wird auf den Mädgenstand in einem wirthschaftlichen Hause.

Lebe wohl.

[Henriette von Willich:] Nun sind Alle fort – Und ich muß Dich nun noch vor dem Schlafengehn recht herzen und sie Dir hinsenden alle die süßen Umarmungen, all die schönen Träume meiner Phantasie an diesen Abend – Ach mein Herzens Ernst wie göttlich wird es sein – das ganze Leben! möchte es recht lang sein mit Dir! O laß Dir nur immer recht wohl sein – dann kann niemals diese Seeligkeit aufhören! Schlafe wohl mein Einzig Geliebter!

Freitag d 1t. Dc.

Eine recht unverhoffte Freude hatte ich vorgestern durch das Blättchen von Dir das Jette mir brachte. Ich konnte am Dienstag mich schwer darin finden daß die Post mir nichts brachte, Du hast mich schon verwöhnt lieber Mann, es ist mir schon eine süße Gewohnheit jeden Posttag von Dir zu hören. Daß Jette was für mich haben würde hoffte ich diesmahl gar nicht – Es soll aber doch ganz bei unsrer ersten Verabredung bleiben daß Du Dir nichts daraus machen sollst mich bisweilen vergebens hoffen zu lassen wenn Dich die Geschäfte zu sehr drängen – | 77

O süßer Ernst Dein Portrait würde mir doch gewaltige Freude gemacht haben. Ich habe sehr oft daran gedacht und mich darnach gesehnt. An den Schattenrissen habe ich nun nie Geschmack finden können. Aber wenn Du mir jenes hättest leicht verschaffen können und recht ähnlich, so gereut es mich unendlich daß ich Dir meinen Wunsch nicht ausgesprochen habe. Ich glaube ich wäre außer mir vor Freuden gerathen.

Wie sehr habe ich mir immer ein Bildniß von Ehrenfried gewünscht!

Ach ja Herzens-Ernst laß die Leute immer finden daß wir sehr kalt, gar nicht zärtlich sind – mich freut es so erstaunt daß hierin unser Gefühl so übereinstimmt – ach ja nur ganz verborgen schließe mich liebend und bräutlich an Deine Brust. Siehe es ist auch da wieder unsere große Jette deren Gegenwart mich am wenigsten hindern könnte Dir meine Liebe auszusprechen – Es ist mir gar nicht unangenehm wenn die Leute die das Wahre Schönste doch nicht verstehn, glauben es sei unsere Verbindung eine bloß vernünftige. Aus bloßer Ueberlegung geschloßen. | 77v

Lotte Schwarz hat mir erzählt daß in Anclam der junge Tiele außer sich vor Freuden gewesen sei da er von unserer Verbindung gehört. Er hat überhaupt mit Entzücken von Dir geredet.

Sophie und Alle hier finden daß Jettchen viel artiger zurückgekommen als sie vorher war und ich selbst bin jezt recht sehr zufrieden wenn sie nur so fortgeht, sie ist viel gehorsamer und nicht verzogen auf Luise wie sonst. Der Junge ist recht brav und süß er wird schon sprechen wenn Du ihn siehest. Ja wohl habe ich meiner Jette schon oft den lieben herrlichen Vater genannt

Mein Ernst, mein lieber lieber Ernst!

Ach ich möchte noch so gerne mit Dir plaudern, aber ich fürchte der Brief bleibt liegen. Ich mache es nächtens gut daß dieser so kurz ist.

Ich habe es Jette ganz überlassen Dir über das Haus und die Einrichtung zu schreiben, ihr zusammen könt das ganz ohne mich. Auch die Änderung von heute ist allein Jettens Idee. Auch ob wir ein oder zwei Mädchen halten wollen, wovon | 78 Jette mit mir geredet, müßt ihr ganz allein bestimmen. Ich sage Dir im Voraus daß ich ganz ganz zufrieden bin und mir jedes recht ist wie ihrs macht. Du siehst wohl wie fürchterlich ich mich habe sputen müssen.

Mein Einziger Lieber lebe wohl und höre auch nicht auf mir recht gewaltig gut zu sein

Deine Jette

Viele Grüße.

Zitierhinweis

2957: Von Henriette Herz und Henriette von Willich. Poseritz, Mittwoch, 30.11. bis Freitag, 2. 12. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0006786 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

Download

Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen.

Kanonische URLDieser Link führt stets auf die aktuelle Version.

https://schleiermacher-digital.de/S0006786