Poseritz den 27t. Nov. Abends

21 oder 22.

Ich habe endlich heute unsere lieben Götemitzer zum ersten mahl wieder in Garz gesehn. Meine Sehnsucht war so groß alle diese Tage Lotte und Jette zu sprechen daß ich es nicht ausdrücken kann. Ich habe über manches mich auch recht ausgesprochen mit JetteNannyen habe ich schon einen ganzen Brief davon voll geschrieben den sie Dir aber nicht zeigen soll. Du Spötter? Mir war es sehr wohl so mit Jette über unsere künftige Einrichtung zu überlegen. Das Haus gefällt ihr sehr wohl und auch deine Anwendung der Zimmer findet sie vollkommen gut. Sie ist mit ihrem Theile ganz zu frieden und meint selbst mit Brenna Platz genug zu haben. Das hat mich nun sehr gefreut. Dann hat sie mir auch ganz ausgeredet meine Bedenklichkeit darüber, in dem großen Zimmer mit den Kindern zu wohnen. Und ich stimme Euch nun vollkommen bei. Ich wünschte nur Du hättest Nannyn kein Wort gesagt sondern es gleich ganz beim alten gelassen. Wundern würdest Du Dich nicht daß ich überhaupt diese Einwendung hatte wenn Du wüßtest wie das anders hier ist als ich höre daß es bei Euch ist, wie die Leute es hier für unmöglich  Vom Hg. korrigiert. u halten keine eigne Kinderstube und kein eignes Visitenszimmer zu haben, selbst die nur | 74v halb Anständigen. Ich sehe aber recht gut ein daß bei ordentlicher Wirthschaft das recht gut gehen muß – Ich finde überhaupt alles so vortrefflich  korr. v. Hg. aus: dasdaß mir auch gar nichts zu wünschen übrig ist. Ueber ihren Zweifel an meiner Wirthschaftlichkeit habe ich auch recht ordentlich mit Jette gesprochen und gethan was ich konnte, ihn ihr zu benehmen. Denn sie thut mir wircklich Unrecht und wenn Du solltest eine kleinste Unruhe in dieser Hinsicht über mich gehabt haben so laß sie Dir doch ganz nehmen durch meine ernstliche Versicherung. Es ist gar nicht daß ich mir etwas darüber vorzunehmen brauche sondern durch lange Gewohnheit ist mir die Sparsamkeit wircklich zu eigen geworden. Und wirthschaftlich werde ich auch sein, sollst du nur sehn, wie du es an deinem Weibe wünschen wirst. Aber unangenehm könnte dir sein wenn ich es nicht allmählich ablege was wircklich ganz unerträglich ist, nehmlich daß ich so sehr vergeßend bin. Das ist ganz abscheulich und du sollst mich immer jedesmahl dafür strafen wenn du es gemerckt hast. – Aber große liebe Jette ist sehr böse daß du ihr so wenig geschrieben hast. Ich habe die Jette doch eigentlich gewaltig lieb – und doch fürchte ich mich heimlich ein bischen vor ihr wenn ich an die Zukunft denke; sie ist gar zu klug und hat so | 75 schnellen richtigen Blick in allen Dingen und ich bin oft so ein schreckliches Dusselchen. Dies ist gar nicht nur so zum Scherz Mittwoch kommen die Götemitzer hier, Sonntag sind wir hoffentlich da – Weinachs Abend werden wir mit unsern Kindern in Götemitz sein das wird ein Kinderfest werden! Süßer Ernst wie werde ich mich immer nach dir sehnen wie thue ich es immer doch besonders wenn mir wohl oder wehe ist. Silvester Nacht wollen Jette und ich beisammen sein und Dich leben lassen um Mitternacht oder wenn es dazu keine Gelegenheit giebt von Dir reden, Dich recht lebendig zu uns herziehen. Mein lieber süßer Ernst!

Der Brief von Lotte hat mich außerordentlich gefreut ich erhielt ihn gestern Nachmittag. Ich werde ihr bald antworten und ihr auch einen Brief von Dir schicken, ich wüßte Niemanden dem ich so einen schicken möchte – aber ihr deiner lieben Schwester – ja das thue ich recht gerne. Glaubte die Gute nur nicht so viel liebes von mir ach mein Ernst oder wär ich doch so als sie mich glaubt. Wie lieb sind mir auch deine Worte du Herzensmann weißt gar zu süß zu liebkosen in Briefen – ich verstehe das aber gar nicht wie mag das zugehn; ich denke ich wollte dich doch wohl süß zu herzen verstehn wenn ich dich bei | 75v mir hätte – Mein Ernst ich fühle sie noch die unbeschreiblich süßen Küsse in denen ich deine ganze Seele als mein Eigenthum fühlte – ja sie wohnt in mir Du hast sie mir eingehaucht, hast mit deinen süßen Lippen und Augen ein Leben mir eingeflößt das mich wunderbar und seelig durchdringt – Gott sei ewig unendlich gelobt daß Du so herrlich bist – daß Du mich mit entzündet hast an Deiner Brust zu heiliger himmlischer Liebe. Ruhe sanft mein Vater und mein Geliebter.

Montag Morgen.

Ich erhielt mit letzter Post auch einen sehr herzlichen Brief von Friedericke und einen eben solchen von der Schildener. Wie wohl thut es mir von Allen so verstanden und mein Glück mit solcher Theilnahme aufgenommen zu sehn. Von der Schildener hat es mich doch auch recht gefreut sie ist erstaunlich wahr und sehr sparsam in der Äußerung ihrer Freundschaft. Sie bittet mich sehr noch diesen Winter mit den Kindern zu ihr zu kommen, wenn es nur möglich ist thue ich es auch gerne.

Friedericke schließt sich mit ganz außerordentlicher Innigkeit an uns an, ich kann Dir gar nicht sagen wie herzlich dieser Brief ist sie hat mich ganz bewegt mit ihrer fast mütterlichen Theilnahme und es könnte mir ordentlich wehe thun daß ich neulich ihre Schwächen so heraus hob wärest nicht Du es gegen den ich mich aussprach. Aber Du kannst mich ja nie mißverstehen und Dir darf sich ja auch alles | 76 aussprechen was mir selbst klar ist. Unsere theure Lotte fand ich gestern recht wohl aussehend, sie hat sonst viel gekränkelt, und sie sagte mir auch daß sie sich wohl fühle. Hätte sie die schweren Stunden nur glücklich überstanden! Ich kann Dir nicht sagen welche wehmüthige Rührung immer über mich komt wenn ich sie so ansehe, ist es Dir nicht auch so? – Ich habe nun doch ein viel bestimteres Bild von deiner guten Schwester als vorher, ich fühle mich sehr zu ihr hingezogen, ich schmeichle mir daß es recht was besonderes mit uns beiden werden könnte wenn wir uns näher wären. O mein Ernst welche Fülle von Glück und Seegen schüttelst du über mich aus! ach mir ist immer als wenn es gar nicht zu vergleichen ist was du mir alles giebst und was ich Dir nur bringen kann. Und es ist es auch nicht. Unsere Kinder gehörten Dir schon vorher mehr als Einem sonst – und sie sind der beste Theil.

Deinen lezten Brief an Louise hat sie mir nicht zu lesen gegeben da ich doch sonst alle früheren gelesen habe – Ja Ernst so fühle ich es auch oft daß sie uns ein Vermächtniß ist von Ehrenfried und darum wünschte ich auch daß sie bei uns leben möchte, wenn ich überzeugt wäre daß sie das wircklich glücklicher machen könnte. Ja mein Ernst Du könntest auch auf mich rechnen daß ich über mich wachen würde – Ach Ernst warum muß | 76v es so sein – warum habe ich so unendlich bittere Schmerzen hierum leiden müßen Aber nichts mehr davon sie ist unsere liebe Schwester und so will ich ihr auch immer gerne etwas opfern

Die Israel hat mir gesagt daß Herrman in diesen Tagen bei ihr gewesen ist von Greifswald zurückkommend ganz glücklich denn Allwine ist sein. Ach Ernst ich hatte einem andern Gedanken schon wieder Nahrung gegeben – Wäre Herrman nun nur wircklich auch recht aus tiefen Herzen glücklich!

Höre große Jette sagte mir gestern auch noch daß Du nicht öconomisch wärst, daß dir nichts schön genug werden könnte. Ich mache mir ein bischen Unruhe daß weil ich dir mein Wohlgefallen an dem hübschen Äußeren äußerte, und Du Herzensmann mir gerne alles recht zu Dank machen willst, Du vielleicht noch mehr darauf verwendest als du sonst gethan hättest. Vergieb mir doch daß ich auch noch meinen Senf dazu gebe und laß mich Dich bitten uns recht klein einzurichten. Und dann hat Jette mir noch eingegeben auch gute Worte bei Dir einzulegen wegen des Wohnens im Thiergarten. Es wäre wohl sehr hübsch, aber um so weniger Möbeln brauchten wir uns auch dieses Frühjahr anzuschaffen. Jetten habe ich die Zeichnung des Hauses mitgeben müßen und sie will Dir noch recht ordentlich darüber schreiben. Lebe wohl mein herzlich Geliebter. Mit aller Liebe und Sehnsucht

Deine Jette

Zitierhinweis

2954: Von Henriette von Willich. Poseritz, Sonntag, 27.11. bis Montag, 28. 11. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/S0006783 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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