Hab d 21 Nvbr 1808.

Nach so manchen mir in Hinsicht Deiner Du Lieber so trüb verfloßnen Geburtstagen – genieße ich Heute, einer doppelt ja dreifach reinen Freude – und eines noch nie gehabten Gefühls – so daß ich vor Dank und zarter Freude und Theilnahme – imer weinen könnte – so selten das bei mir vorkomt! Gestern früh als mir meine gute Emilie die Loosung beim Früstük vorlas waren folgende Worte – nicht nur Deinetwegen – – sondern auch in Erwägung meines, ichs, seit ich bey der Gemein bin sehr merkwürdig – – „Du erkennst ja in Deinem Herzen daß der Herr Dein Gott Dich gezogen wie ein Vater seinen Sohn zeucht[“] ––; es kann dir nicht unangenehm sein daß ich dieses was so natürlich und keinesweges gesucht, berühre – alles was ich dazu hinzufügen könte – sagst Du Dir selbst und Dein Herzgefühl. Wie sehr ich in diesen Tagen wünsche Dich zu sprechen – so – habe ich es gewiß – noch nie – oder doch recht lange schon nicht gewünscht!!! – – Auch da beneide ich wieder die Nany – so wie, Heute, die Herz auch – weil sie sich mit unsrer Jette unterhalten kann – O Gott so einen Tag in den jezigen angenehmen Spanungen kann ich nicht mit, Einem, von Euch verleben – – denn jedes von Euch ist doch durch etwas schadlos gehalten! – Ob Du nur meinen Brief so weggeschikt – daß ihn Jetchen Heute hat! Gewiß erhältst du auch einen von ihr und der großen Jette – vielleicht auch irgend eine Kleinigkeit! guter lieber Einziger! ach wie ich nach Briefen verlange! | 5v

Es ist bereits bald Mitternacht – ich hatte noch von 9 uhr an, in Bezug des Heutgen Tages ein trauliches solo mit der Treflichen Seidliz die recht warm alles mitempfindet und innig Theil nimt an jedem was mich Deinetwegen ergreift –! ich las ihr alle die verschiednen Stellen vor, die du von deiner ersten Bekantschaft über Jetchen schriebst – überhaupt von Allen denen Lieben auf Ruegen – mit welcher lebendigen Freude blikt Sie hier auf die Tage des Ersehens und Wiedersehens die meiner warten – wie gern wird Sie Euch Alle, hier, aufnehmen und bewirthen – nur vor der großen Jette hat sie eine Scheu – eine Aengstlichkeit – – wie auch, ich, ehe ich in den Briefwechsel einzugehn mich entschließen konte – darum kann ich es ihr nicht verargen – wiewohl ich mich unbegrenzt auf ihre Persönliche Bekantschaft freue – nur aber nicht glaube – daß mir auf einmahl so viel Gutes werden wird – Zu allen diesen Lieben wünsche ich mir auch noch die Pistorius die mir schon durch frühere Mittheilung einer ihrer Briefe sehr werth geworden – leider sehe ich Gestern – daß ich den lezten kleinen Zettel dir nicht wieder geschikt – in Jenen, lebte sie aber sehr glüklich mit ihrem Manne, den sie immer mehr schäzen lernte, – oder war es nur ein künstlicher Hervorsuchen, und bemerken einiger guten Eigenschaften? – sie war damals sehr erbaut und gerührt über Jetchen und Willich und sehr tieffühlend über der Kathen ihre ressignation wegen dem kranken Kinde ! Nun mein Bester Gott segne dich und laße auch in der äußern Darstellung Dich ein herrliches Jahr verleben so schön wie noch keins war – Unter denen vielen warhaft Edlen Menschen | 6 die jezt zu Dir gehören – gedenke doch in ihrer Nähe ja fleißig Aller derer die dir auch früher werth waren – und dabey auch meiner – nicht nur als Schwester – als innige Freundin die zwar ihre eigne und manichfache Art hat sich zu äußern – aber dich doch warm und innig liebt – und sich über alles das Gute was, inn, und mit Dir vorgeht nur nicht immer so ausdrüken kann als es deinem Gefühl und wohl auch der Würde des Gegenstandes angemeßen – ach laß mich es noch einmahl wiederholen – wüsten doch unsre trefliche Eltern was, von dem Allen, wie es sich so herrlich umgestaltet hat – und aus so manchem Dikigt und Dunkel heller Tag geworden ist – nun ruhe sanft und liebe ferner Deine Lotte.

Gdfr d 29te So gern ich Dir noch in Habendorf einige Worte gesagt hätte – bin ich doch nicht mehr dazu gekomen! – – Nun sind wir am Sonnabend mit Sack und Pack hergezogen – wo wir bis nach dem 4ten May ruhig zu bleiben gedenken: Kanst du es glauben mein Guter, daß mir dieses Wegziehen von Habendorf ordentlich schwer fiel – daß ich mir das selbst nicht recht erklären konte – und mich gründlich darüber prüfte bis ich gefunden wie mir jede neue Einrichtung imer schwer wird (denn wir waren doch ein ganzes Jahr wohnhaft in Habendorf und hier, nur Besuchsweise[)] – dazu komt freilich der garstige Egoismus – daß ich mir nicht nur vorstelle – sondern bestimt weiß – daß mein Umgang mit der guten Seidlz, hier – sparsamer – nicht ganz ungestörht seyn kann – wiewohl die | 6v Treue, mir alles mittheilt – was sie in der Unterhaltung mit Andren der Mühe werth achtet mir aufzuheben – siehe da wie aufrichtig – den Tag nach unsrer Ankunft las ich in Starkes häußlichen Gemählden eine Stelle – die sich recht auf meine Stimung paßte – vielleicht schreibe ich sie Dir auf – dieses Buch ist zwar schon 10 Jahr und länger geschrieben – aber so natürliche Caraktere darin – und so mannichfache Laagen des Lebens geschildert daß wir recht gern alle Abende 1 Stündchen damit ausfüllen – wenn wir uns nichts wichtiges zu sagen haben. Wann werde ich wieder Briefe bekomen? Jezt laßt mich nur nicht lange warten – wenn ich mir auch noch nichts erübrigen kann – so reut mich doch kein porto – o Gott es sind ja die reinsten Freuden die mir dadurch werden! Nany hätte mir recht gut schreiben können – wenn sie nicht Krankheit darin verhindert – Du selbst wirst doch nicht krank sein! die Schmiedebergers schreiben auch nicht – doch hoffe ich jezt – da ich der Frize zu ihrem GeburtsTage geschrieben es war der 25te dieses – Tages vorher hat ihn der Peistel der seit Johany Geschäfte halber wie man glauben muß einige Meilen von hier auf einem Gute welches er längst administrirt sich aufhält – seine Frau mit den Kindern hier allein läst – die Güter sind verkauft der älteste Sohn Charles – der einige Zeit in Frankfurt Collegia hörte ist auch jezt zu Hause – der andre beym militair in Glaz ! ich habe den Pito über 2 Jahr nicht gesehen.

den 23ten dieses hat die Melchior – weiland Preud’homme ihren Geburtstag – welche ein trauriges Leben hat – jedoch eine kleine Tochter – die ihr bey den vielen großen Stief Kindern das Leben versüßt – Gott erhalte ihr dieses Kleinod.

Dis betrift besonders – die Bedürfniße der Stärkung den ich mir in den jezigen Zeiten nicht erübrigen kan. Künftig werde ich die Sache mehr erläutern – aber schließlich wolte ich dirs nur an’s Herz legen – wenn du mir einmahl 10 Thaler, schikken köntest Du mich sehr erfreuen würdest.

Zitierhinweis

2939: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Habendorf, Montag 21.11. und Gnadenfrei, Dienstag, 29. 11. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006768 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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