Habdrf d 3 Nvbr 1808.

Gestern mein Bester – mein Einziger als ein Bote von hier nach Gnadenfrey gieng; hatte ich ein sehr richtiges Vorgefühl – daß ein Brief von dir mitkomen würde – und er erschien – dieser trefliche ausführliche Brief – für den mein ganzes lotten Herz dir innigst dankt. Ohngeachtet des Wirvars der in diesen Tagen bei uns aller Art ist waren wir eben einen Augenblik allein – als die gute Emilie mit glänzenden Augen herein trat – hier liebe bonne, ein Brief von Ihrem Bruder aus Berlin – Gott wie warm und innig theilte die trefliche Seidliz meine Freude, als sie die Epistel von weitem erblikte – mit welcher du mich bis auf 2 Gegenstände ganz befriedigt hast – – keinen Ton von dem edlen Louis nicht den Ort wo er lebt – keine Antwort ob ich der Aulock Deine vorhabende Verbindung bekant machen darf – durch Mittheilung Deines vorigen Briefes –! Wie sehr überrascht binn ich durch den Brief Deiner treflichen lieben Jette – – schon ehe ich diese Zeilen anfieng habe ich mit ihr, mich unterhalten – nur habe und finde ich unter solchen Stimmungen der Seele keine Worte – Diese alte Klage kenst du schon! noch oft wirst du sie hören.

Abends nach 10 uhr

Einen rechten solo The habe ich mir jezt schmekken laßen – jedoch so einfach als möglich den jezigen ZeitUmständen angemeßen. Dabei habe ich nur deine Briefe aus Stolpe, von deiner ersten Reise nach Ruegen gelesen – und habe mich recht daran geweidet, wie du dich darüber ausdrükst – daß diese Reise eine große Begebenheit in deinem Leben sey – und mit welcher innigen Wärme Du mir Alle die lieben Leutchens schilderst – nächst der süßen Tochter die fromme Schwester die Kathen – schreibt dir diese nicht? | 24v

Wie ist das mit der Pistorius – die ich in jenen Briefen nicht aufgezeichnet finde – aber mündlich sagtest Du mir von Ihr ist sie nicht auch Willichs Schwester? die lezten Worte auf dem mir zugeschikten Zettel, laßen mich es vermuthen oder Jetchens Schwester? merkwürdig ist es mir, daß die erste intime Freundin unsrer seligen Mutter in Breslau auch diesen Nahmen führte – es war auch eine wahre Dulderin – unsre Seelige hat viele Nächte bei ihr gewacht ihr Begräbniß war das erste welchem ich beiwohnte –

Dieser Erguß ihrer bittersüßen Freude – muß dir viel werth seyn ich schikke Dir es mit vielem Dank zurük, komme aber zuglleich mit der Bitte, mir wo möglich bald einmahl wieder was von Jetchen an dich mitzutheilen – und wenn es dir nicht ganz unangenehm – von dir an Sie. Da ich einen mir sehr interessanten Brief von hier aus an Leonoren von dir habe – wünsche ich nun noch weit mehr eine Abschrift einer deiner HerzensErgießungen an Deine süße Tochter und Braut zu haben – bitte lieber Bruder mache mir diese Freude – du weißt wie mich so etwas gar sehr glüklich machen kann! und ich dabei immer aufs neue verspühre daß ich noch nicht stumpf geworden – im Gegentheil – für das wahre Gute und schöne – gebildete und Trefliche – jeder Art – noch mehr Sinn und Empfänglichkeit habe als in frühern Zeiten! – lebst du noch in engem Verhältniß mit Schlegel ? ach ich habe dich ja in meinem vorigen wegen dem Indischen gefragt! was wird der gute Konopak sagen – und Jösting – was ist aus diesen geworden? Hat er nicht vielleicht einen Eindruk auf Nany gemacht! ich möchte diese wohl einmahl wiedersehen – ihr Dialect ist gewiß jezt ganz anders – so wie sie an Bildung ins Ganze mag gewonnen haben – ihre Beschreibung über | 25 das Meer, und den Ruegenschen gemachten Waßerpartien war gar lieblich und anschaulich – treibe sie doch an, daß sie mir wieder einmahl schreibt – jezt wandert sie doch nicht mehr hin und her – sondern sizt bei dir im warmen Stübchen – laß mich doch wißen wenn ihr Geburt stag ist, im Februar weiß ich aber nicht, die Zahl.

Dieser Brief geht deshalb schon am 8ten ab – wenn es etwa möglich wäre daß die Inlage zum 21ten in Ruegen einträfe – versteht sich in Begleitung einiger Zeilen von Dir – gern hätte ich ihn solo an Jetchen geschikt aber ich wolte dir doch nicht das Herzeleid anthun diesen ersten Brief nicht zu lesen – wiewohl ich immer glaube, daß ich mich einem Tadel ausseze – auch durch die Länge wenn ich an Jemand das erstemahl schreibe – aber ich kann mich durchaus nicht kurz faßen – über das unleserliche tröste ich mich bei Deiner kleinen Braut, da wird wohl die große Jette einhelfen – meldet nur dieser, daß ich ihr noch in diesem Jahre schreibe – da mir Niemand troz meines Bittens die adresse schikt – werde ich nur schreiben – Gröteniz auf der Insel Ruegen ! ob ich den Brief irgendwo franquiren muß weiß ich freilich nicht. Deine Nachrichten von den Dohnas haben mich sehr gefreut – ach ich lebe viel im Andenken an Alle, vorzüglich aber der seligen Friderique – woher komt das? wo ist Louis – Kinder sind ihm gestorben – aber leben ihm auch welche? hat Wedeke meinen Brief bekomen? lebt die Gräfin von Karwinden noch? | 25v

d 7t

Gestern in der MitternachtsStunde habe ich den ersten Brief an Jetchen vollendet – schwer wird mirs immer mich von denen Briefen an meine Lieben zu trennen – und wie erst von diesem. Vielleicht helst Du dies für Egoismus – ich habe mich schon darüber geprüft – finde aber nichts als eine süße Schwärmerey darinn – mich von dem womit ich eine liebe Abwesende angesprochen – und gleichsam das liebe Bild untergeschoben zu trennen – erscheint Dirs anders??? – Dein Leben mit den Kindern des Königs – deine Unterhaltung mit der verkanten doch angebeteten Louise konte dich stolz machen.– wenn anders dergleichen Menschen die von Kindheit an mit den Gebildeten und Höheren umgegangen stolz machen kann! wenn aber der Ruf zur Königin, Folge, von dem was du in deinen Schriften den Gelehrten darstelst – oder auch die Freude über deinen patriotismus; so freue ich mich des Gelingens deines Strebens – und Deiner Anhänglichkeit an das Land wo der gute Selge so lange unter manchen Strapazen – das verkündigte – was Er glaubte –, und über die guten Edlen, die das zu schäzen wißen. Auf deine Predigten, binn ich begierig – eben so, auf die kleine Schrift – welche in die Hände des CabinetRathes gekommen, wozu du das Gesangbuch der Brüder Gemeine gebraucht hast. Was soll ich Dir zum 21ten sagen mein Herz ist zu voll und in diesem Gewühl der mannichfachen DankEmpfindungen ergreife ich die Bibel – schlage den 71ten Psalm auf – und finde recht vieles was auch Deine Stimmung ausdrüken wird – Nimm es an es ist ja aus dem Buche – was Dir auch gewiß (troz des Streites den wir vor 12 Jahren darüber hatten) – Trost und Licht giebt und dich von einer Klarheit in die andere führt mit Innigkeit umarmt dich Deine Lotte.

Zitierhinweis

2906: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Habendorf, Donnerstag, 3.11. bis Montag, 7. 11. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006735 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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