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Mittwoch d 2t. Nov. 8

An Jettchen.

No 18.

Durch unsere große Jette habe ich nun schon allerlei Nachrichten von Deinem Aufenthalt in Jasmund meine liebste Jette nur ob Du dort schon Briefe von mir erhalten hattest außer dem, den Dir Jette mitbrachte, und wie lange Du noch dort zu bleiben dachtest, davon weiß ich nichts, und von Dir selbst ist nun Morgen der dritte Posttag seit ich nichts erhalten habe. Das ist warlich eine kleine Hungersnoth; aber es mag nicht zu ändern gewesen sein außer wenn Du Jette ein Paar Zeilen mitgegeben hättest und ich rechne desto sicherer auf Morgen. Wunderlich ist es, daß die Briefe so sehr ungleich gehn; offenbar müssen sie öfters irgendwo liegen bleiben. Was mir aber auch Morgen schönes kommen mag, ich kann doch den Abend nicht hingehen lassen ohne ein Paar Wörtchen mit dir zu plaudern meine süße. Ach wenn Du so alles bekämest was ich innerlich mit dir plaudere, das wäre fast viel. Morgens und Abends im Bett und nach Tische oder in der Dunkelstunde auf dem Sofa wird manches Viertelstündchen so verbracht. Manchmal will ich es gar nicht, ich will Dich nur flüchtig begrüßen und dann an die Collegia denken die mir nun bald bevorstehen und an denen noch viel ins Reine zu bringen ist – aber ehe ich mich versehe bin ich wieder bei Jettchen. Daß Du mir das nur nicht leidest wenn Du hier bist! aber jezt kannst Du gar nichts dagegen thun Du Arme! Denn daß Du von Allem nichts erfährst hat nichts zu sagen Du weißt es ja doch.

Heute Nachmittag habe ich etwas merkwürdiges vollbracht mit Nanny . Wir haben nemlich zusammen Visite gemacht, es war Nannys erste, bei der Predigerwittwe im Kanonierhause . Der Zwekk war das Haus endlich in Anschauung zu nehmen, und Nanny dachte das so gleich auf einmal zu erwischen; ich sagte ihr aber gl vorher das würde so nicht gehn sondern die Festung würde müssen | 43v regelmäßig belagert werden. So wurden denn heute nur die Laufgräben eröffnet; nächstens kommt nun gewiß die Mamsell die wir heute nicht fanden und macht Nanny einen Gegenbesuch, und dann denke ich laden sie uns einmal förmlich ein und bei dieser Gelegenheit wo alleswohl vorbereitet gereiniget und geschmükt ist wird dann wol das Haus gezeigt werden. Du sollst hernach sogleich die Beschreibung davon haben; bis jezt haben wir immer nur fantastisch eingerichtet Nanny und ich ins Blaue hinein. Dabei habe ich mir sehr wohl gefallen, es wird so alles viel geräumiger und netter, und es thut mir wirklich leid daß wir uns nun nachgrade werden zur Wirklichkeit hinunter bemühen müssen. Recht viel Plaz werden wir nicht übrig haben, das sehe ich dem Hause schon an, aber ich denke es wird doch leidlich gehn. Wenn wir Abends zu Hause sind wie heute so lese ich jezt mit Nanny den Homer der mir selbst wieder ganz neu ist, weil ich seit vielen vielen Jahren gar nicht hinein gesehn und den Deutschen überhaupt noch nie ordentlich und ganz gelesen habe. So denke ich wollen wir uns auch immer wenn wir allein sind Abends ein Lesestündchen halten, zumal wenn große Jette da ist die so prächtig vorliest; die Kinder müssen erst zu Bette sein, das versteht sich. Und um mir das recht ausmalen zu können möchte ich gern bald wissen wie es sich dort wird einrichten lassen mit Wohnstuben und Schlafkammern. Es ist mir als rükte die Zeit mit großen Schritten näher. Das macht theils die Ungeduld theils ist es auch ein Vorgefühl, daß wenn ich erst wieder Collegien lese sie noch eins so schnell vergehen wird, theils kommt es von Nanny die alle Tage redet man müsse nachgrade anfangen zu besorgen und einzurichten, der Winter würde vergehn ehe man eine Hand umdrehte. Und Du mein gutes Kind hast indeß wir hier für die Zukunft sorgen und  über der Zeileoder uns wenigstens so anstellen, in der Vergangenheit gelebt unter den Denkmälern Deines ersten schönen Glüks und deines ersten herben Schmerzens! Wie oft bin ich Dir im Geist dahin ge | 44folgt und habe mit dir empfunden Ehrenfrieds Nähe und die Trauer um ihn und die Freude um ihn  über den ursprünglichen Text geschriebenin ihm . Es ist eine recht schöne heilige Vorbereitung auf unser künftiges Leben liebste Jette daß Du das vergangene noch einmal so ganz besonders ins Auge fassen recht viel Erinnerungen sammeln und sinnlich erneuern, und ein vollständiges Bild davon niederlegen kannst in Deiner Seele. Ich wollte ich könnte es mit dir? wenigstens sollst du recht vieles davon für mich auch gethan haben und mit mittheilen gelegentlich jezt oder später. Hast Du auch in des theueren Mannes Papieren gekramt? sei nur recht karg damit und vernichte nicht zuviel. Was irgend eigenhändige Aufsäze von ihm sind nicht bloße Nachschriften Abschriften oder Auszüge das bewahre doch ja auf vorzüglich alle Spuren von Predigten wir wollen noch schöne Stunden dadurch haben mit einander. Aber die Erinnerungen an unser schönes Zusammensein haben dich doch auch nicht verlassen in Sagard ? es thut mir so wohl wenn du mir etwas davon mittheilst aus den Zeiten der unbewußt entstehenden und sich äußernden Liebe. Das rechte Gegenstük zu Stubbenkammer war der Spaziergang nach dem Dobberworth , wo mich die väterliche Liebe zu Jettchen so besonders ergriff aber es war mir dabei auch gegen dich so eigen zu Muthe so süß mich ganz eins mit dir zu fühlen in der Liebe zu dem Kinde die Sorge darum mit dir zu theilen neben Dir zu gehn recht wie dein Gatte. Liebe süße Jette wie oft wollen wir nun noch so gehn hier und abwechselnd Kinder tragen und führen draußen im Park herum, oder in was für schöne Gegenden wir eine Sommerausflucht machen. Es war mir so unendlich süß die Sorge um die Kinder mit dir zu theilen, wieviel mehr noch nun auch du selbst ganz mein bist. Wie mag es dir nun nur gehn mit den lieben Kleinen ? ich hoffe daß ihnen die Reise noch recht gut bekommen soll. Aber höre der Aufenthalt in Wyk hat dich gewiß wenig schadlos gehalten dafür daß du dich von Friedchen dem Schreier getrennt hattest. Das muß ja fatal genug gewesen sein! Theodor verreist Lotte verstimmt, die Alten verschloßen und innerlich verdrossen. Da ist meine Braut Lenchen am Ende noch die beste gewesen. Hast Du Dich auch unseres Spazierganges recht erinnert? Mein Gefühl war damals schon nahe an der höchsten Klarheit aber es kam mir nicht vor als theiltest Du es so, sondern als wolltest | 44v du dich recht fest halten im töchterlichen Verhältniß. Ich hatte auch früher Momente wo dies die Oberhand behielt, und so ist es uns gleich ergangen bis sich beides so herrlich in Eins verschmolzen hat; und du sollst nun auch immer zugleich mein Töchterchen sein. Liebste einzige Jette im Leben bin ich noch nicht so rein heiter und selig so innig zufrieden und glüklich gewesen als seit ich Dich habe. Ich möchte es Dir immer sagen und Dich dafür liebkosen; und möchte in jedem Briefe wenn ich wieder von Dir scheiden muß so einen stillen und doch herrlichen Abschied nehmen wie jenen lezten Abend da Du noch zulezt und am längsten bei mir bliebst.

Donnerstag

Die Post ist da und ich habe wieder nichts Du kleine böse Jette. Warte nur ich werde es der kleinsten Henriette auftragen daß sie dich schelten soll daß du ihren lieben Schleiermacher so sizen läßt. Also den ganzen Namen sagt die kleine Dirne heraus? das ist wirklich zuviel; und wenn Du Dich auf die Zeit freust wo sie wird Vater sagen so sehe ich nicht ein warum Du ihr nicht das jezt schon ganz in der Stille demonstrirst und einlernst daß sie wenigstens wenn sie mit dir allein spricht Vater sagt. Liebste Jette der künftige Reichthum und die Herrlichkeit die uns bevorsteht ist so groß, daß wir mit dem besten Gewissen und ohne Furcht uns etwas zu verderben anticipiren können soviel sich nur thun läßt – zumal Du wieder auf der andern Seite auch hernach noch aufsparen willst. Nun Adieu für heute. Mache daß Du glüklich nach Poseriz zurük kommst damit das ordentliche Schreiben wieder in Gang kommt. Gott behüte Dich und die Kleinen, bleibt mir ja recht frisch und munter, und sei mir ganz unerhört gut und verlange auch ein Bischen nach mir. Ich denke wenn dieser Brief ankommt bist Du wieder in Poseriz bei unserer guten Sophie , und wenn bei Euch solch Wetter ist wie hier kann dir Jette den Brief immer zu Fuß bringen. Laß Dich recht süß umarmen Du Herzens Jette von

Deinem Ernst

Küsse mir die Kinder und grüße alles um Dich her. Noch eins. Am 27ten communicire ich. Könntest Du das doch auch! Unsere Liebe ist so andächtig und schön sie muß sich auch hier begegnen. Geht das nicht so laß uns zeitig genug einen späteren Termin verabreden.

Zitierhinweis

2904: An Henriette von Willich. Berlin, Mittwoch, 2.11. bis Donnerstag, 3. 11. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006733 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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