Sagard den 1t Novemb. 8.

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Ich ward gestern recht überrascht durch deinen Brief den Du der Cummerow zugeschickt hattest. Ich hatte freilich sicher auf einen gehofft nun kam nur einer von der Cummerow den ich im ersten Unmuth gar nicht estimirte und unerbrochen noch eine Weile liegen ließ. Plötzlich fiel mir ein daß er wohl was von Dir enthalten könne – und wie groß war meine Freude!

Du sagst mir aber kein Wort von deiner Reise, kein Wort von Steffens Du lieber süßer Mann jedes Wort von dir ist mir so köstlich und so lieb aber ich kann doch nicht umhin daß es mir nicht nahe geht daß du dir nicht die Zeit nehmen kannst mir auch ordentlich zu antworten da du mir immer verkündigst du habest noch viel zurückbehalten. Lieber Einziger vergönne mir alles was du mir zu geben hast du machst mir gar gar zu viel Freude durch Deine Mittheilung. Uebrigens erkenne ich es so sehr daß du mir so oft schreibst und daß unsere Verabredung darüber ganz unnöthig war

Mein Herzens-liebes Väterchen könnte ich Dir doch hinsenden all die süßen Schmeichelworte die mir auf den Lippen schweben die Blicke die Küsse die tief ins Herz dringen. – Ja wohl war ich in der Brunnenau und auch an dem bedeutenden Flecke, allein auf Stubbenkammer war ich nicht. Wir haben hier immerfort köstliches Wetter. Mir ist hier recht wohl bei | 48v den lieben Meinigen die alle auch Dich von Herzen lieben. Ganz besonders erfreuend ist mir hier auch die Zuneigung der Kinder; sie hängen sich so an mich die kleinen Mädchen ohne daß ich je das geringste gethan habe sie an mich zu ziehen, im Gegentheil weil ich so viel hier hatte habe ich sie immer sehr vernachläßigt. – Habe ich dir wohl gesagt daß ich am vorlezten Sontage mit Willichs und den Schwestern communicirt habe? o Ernst welch ein heiliger Tag war uns das immer, mit stiller Bewegung habe ich ihn immer an Ehrenfrieds Seite gefeiert, mit ihm fing immer eine schönere Periode unsers Zusammenlebens an. Mein Ernst welch ein seeliger Gedanke künftig an deiner Hand mich dem Heiligthume zu nahen – o wie werde ich dann inniger noch fühlen alles was diese Stunde entzückendes und bewegendes hat. Wie lieb war es mir nun auch mit Ehrenfrieds Geschwistern die heilige Handlung zu begehen.

Lieber Ernst ich habe immer die Ahndung daß unsere theure Jette sich auch hierin unserm Bunde noch einmahl anschließt auch äußerlich. Willich | ist seit 8 Tagen in Stralsund in Geschäfften, wir erwarten ihn täglich, schiebe doch nicht auf an ihn zu schreiben. Hier trägt mir alles die herzlichsten Grüße auf, besonders Louise . Wie es mir doch eigen mit Louisen geht  korr. v. Hg. aus: daßdas kannst Du gar so nicht wissen, wir sind recht gut mitein | 49ander wie Du denken kannst, aber immerfort muß ich die gröste Vorsicht anwenden daß es so bleibst; wir weichen gar zu sehr ab um zusammen zu leben; es ist recht abscheulich ich weiß es sehr gut, aber wie mich eine Lapperei stören kann, ich kann es dir nicht sagen, dabei habe ich sie wirklich doch lieb und fühle besonders eine so innige Theilnahme und Unruhe um sie, habe oft ein so inniges Verlangen ihr etwas zu gute zu thun und fühle schon im Voraus die Reue die ich haben werde wenn ich es nicht mehr kann, daß ich es verabsäumt habe. Aber ich kann doch gar nicht zu was rechtem kommen. Es thut mir so erschrecklich wehe daß ich nicht aus dem Herzen wünschen kann daß sie mit uns lebe, da sie sich so recht mit den Sinnen an mich anschloß als ich verwaiset war, ihr Leben mir und den Kindern zu weihen. Wie traurig wird ihr Leben in Poseritz sein, und dabei ihr ewiges trübesein und Sophiens Kränklichkeit ich mag es mir gar nicht vorstellen. Ich fange so oft an mit ihr davon zu reden wie sie recht viel bei uns sein müße, aber sie nimmt das gar nicht recht auf. Ich wollte sie könnte mir etwas abgeben von ihrer Weichheit und ich ihr von meiner Ruhe und meiner Stärke fürs Leben. Mit Henrietten ist sie jezt weniger weichlich als sonst auch gewinnt der Knabe jezt besonders ihre Liebe | 49v und dem schadet es nicht. Höre der Junge ist jezt sehr lieb ich freue mich darauf wie er sich auch dir ins Herz stehlen soll. Er fängt auch mit Macht an zu sprechen. Jette unterrichtet ihn oft und er versteht sie immer am besten wenn sie auch noch so kauderwelsch spricht. Wie ich mich oft nach deiner Hülfe bei dem Mädchen sehne kann ich Dir nicht sagen. Hier findet man doch zu meiner Freude daß sie jezt viel lenksamer ist als wie wir zusammen hier waren.

Ich danke dir mein süßer Mann daß du mir so ausführlich von Eleonoren schreibst, nein das dachte ich nicht daß du dich gar glücklicher noch jezt fühlen könntest, o Gott mein Ernst es ist zu viel das muß ich immer wieder ausrufen. – | Von unseren Götemitzern weiß ich lange nichts, ich sehne mich Jette und Lotte wiederzusehen, was ich neulich berührte über Lotte hast du gewiß recht verstanden, ich meinte nichts zwischen Lotte und Jette, sondern Lottes ganzes Wesen, das geknikte darin durch ein langes ödes Leben, die Gewöhnung an das Unharmonische und das Unschöne schmerzt mich, und mit Bedauern nehme ich wahr daß sie nicht mehr mit Empfänglichkeit aufnimt was sich in ihren schönen Verhältnissen ihr darbietet um ihre Umgebung harmonischer zu bilden. Ich seh es voraus daß Jette durch vieles dort müße sehr gestört werden, ich hoffte aber es würde durch sie beßer werden, es thut mir sehr leid um Lotte und ihre Kinder daß, ausgenommen was sie unmittelbar | 50 auf die Kinder wirckt, wohl nicht viel Einfluß dort hat. Ich liebe Lotte außerordentlich aber ich kann sie immer nur mit Wehmuth betrachten. Ende dieser Woche reisen wir nach Wittow die Hane und Marianne mit uns. Vielleicht bin ich ein paar Tage bei Herrman , er hat mich sehr herzlich gebeten, ich möchte es gerne und doch bin ich auch etwas verlegen, ich werde es darauf ankommen lassen wie die Umstände sich fügen.

Auf Philippine freue ich mich sehr! Lotte Schwarz ist nach Anclam um dort ein Rendez-vous zu haben mit Hasselbach . Möchte es entscheidend für sie sein! – Ernst du klagest so daß dir die Bücher von Göethe fehlen, weiß Du daß ich den ganzen Göethe habe und gar doppelt, ich denke wohl Gelegenheit zu finden das eine Exemplar zu verkaufen. | Daß Du mir das Lein besorgen willst ist mir sehr lieb aber ich bin doch nicht ganz ruhig ob es dir nicht beschwerlich sein wird bitte bitte besorge nur rech bald.

Süßer Ernst was ich einst vom Wohlleben sagte war wohl mehr, daß ich es mir ganz reitzend denke aber du mußt doch ja nicht glauben daß es mein Glück auch nur um das geringste vermindern könnte wenn wir es auch nie haben sollten. Nur allein | 50v um deinetwillen sprach ich so überverständig daß du weder zu viel arbeiten noch sonst in Sorgen Dich setzen dürftest. | | Mein süßer theurer Ernst ich trinke aus Deinen Lippen alle heilige Freude der Liebe – und spiele mit deinen blonden Locken und deine ganze herrliche Seele blickt mich an aus den lieben Augen Deine Jette.

Auch die Kinder liebkosen Dich aufs zärtlichste. Gestern umfaßte Jette mit beiden Armen meinen Hals und sagte: so lieb hat Schleiermacher Dich.

Gehst Du auch zur Großmutter ? ich fürchte die alte Frau wird schon recht stumpf, es komt mir so vor aus ihren Briefen.

Die Willich bittet einliegenden Brief an ihren Bruder zu besorgen.

Sage mir doch ein Wort von der bewußten Sache ob sie noch zu Stande komt oder nicht –

Zitierhinweis

2901: Von Henriette von Willich. Sargard, Dienstag, 1. 11. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006730 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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