Berlin d. 1t. Octob. 8

No 11.

Sieh nun bin ich wieder hier, liebste Jette, seit Gestern Früh, habe mich ganz ausgeruht von der fatiganten Reise, ausgeplaudert vorläufig mit den hiesigen Freunden und der lieben Nanny und an dem Schaz von vorgefundenen Briefen mich erfreut und gelabt. Du liebe Jette was ist es doch herrlich daß ich Dich habe und wie ist mir immer so wohl wenn ich  über der ZeileDu so lieblich mit mir plauderst. Ja wohl geht alles Leben und alles Wirken der Liebe immer fort auch in der Entfernung ungestört und frisch; sie haucht dem an sich so todten Buchstaben ein immer junges Leben ein und giebt ihm Licht und Farbe. So lebendig stehst Du vor mir da wenn ich Deine Briefe lese; ich sehe dich mit den lieben Kindern tänzeln, und in allen Deinen Worten höre ich deine süße Stimme die mir so ganz einzig klang von Anfang an, daß ich sie immer gehört habe alle diese Jahre. Ja wohl wird es ein herrliches Leben sein, was wir zusammen führen werden, und nichts soll es stören und trüben. Meine einzige Sorge ist nur daß ich wirklich anfangen muß mich von der Faulheit, meinem größten Laster zu curiren. Wo sollte sonst die Zeit herkommen alles zu genießen und dabei auch alles zu thun! Denn ein sehr thätiges und mit Gottes Hülfe gesegnetes und nicht unwirksames Leben muß mir noch bevorstehn wenn etwas wahres ist an meinen Ahndungen und Träumen. Und Du wirst in alles mit hineingehn alles theilen und es wird alles immer auch dein Werk sein. Ja von dieser Seite kann es sein, meine geliebte daß Dein neues Leben noch reicher wird als das erste war. Weißt du es wol recht und fühlst es, wieviel Theil Du schon jezt hast an allem was ich thue? Ich fühle es recht | 29v bestimmt in allen meinen Verhältnissen, den unmittelbarsten und nächsten in dem mit Nanny das seit unserm Bündniß viel freier offener und lebendiger geworden ist. Sie wird Dir das gewiß selbst sagen. Ueberall trete ich freier ofner tüchtiger auf. So hatte doch meine Liebe zu Eleonoren nicht gewirkt. – Du kannst Dir auch hieraus deine Frage an Nanny beantworten ob ich wol sorgenvoll aussehe und gedrükt. Nein mein liebes besorgtes Töchterchen ganz heiter ist dein Vater ganz sicher, und sieht mit der besten Zuversicht für sich und dich und alles was uns angehört in das Leben hinein. Und es wird sich ein schönes Leben bilden lassen nach den wie ich hoffe bald überstandenen Stürmen, im Allgemeinen und für uns. Ich habe nur frohe Ahndungen, sie klären sich fast täglich mehr auf, und ich lasse mich nicht etwa leichtsinnig hingehn, sondern bringe auch alles was auf der entgegengesezten Seite steht mit in Anschlag. Der Gedanke vor dem dir so grauset, ist gewiß der, Mignons Vater die Last des Lebens abzukürzen. Und Du hast ganz recht, ich begreife auch nicht, wie wir, wenn ich dazu die Hände böte, ein recht frohes Leben führen könnten. Ich widerseze mich ihm, wo er aufkommen will immer; und wenn irgend ein leichtsinniger ihn ausführen sollte: so glaube sicher daß ich keinen Theil daran habe. Die ganze Art wie wir ich und meine Freunde diese Familie zu behandeln denken ist offen edel und rechtlich, wenn auch freilich nicht liebreich und gelinde. Sieh so denke ich auch hier Eins mit Dir; und eben so bin ich überzeugt daß in meinem ganzen Leben, auch in der eigensten Sphäre die den Frauen am fernsten liegt nie etwas vorkommen soll was Du nicht verständest oder was dich verlezen könnte.

Ueber die Art wie sich unser Verhältniß gebildet hat laß Dir doch ja von Niemand etwas einreden sondern traue lediglich unserm gemeinschaftlichen Gefühl, ich sage mit Fleiß nicht Deinem und meinem, denn es | 30 ist auch hier so durchaus eines. Und dies ist doch die unmittelbare Wahrheit von der Sache. Liebe Jette betrachte Dich doch selbst, schaue Dein ganzes Wesen an, und sage wie könnte wol etwas unzartes in Dir gewesen sein? Ich fühle es grade so wie Du, und du hast es mir recht aus der Seele beschrieben, es war ein allmähliger leiser Uebergang aus dem väterlichen und kindlichen Verhältniß in dieses neue, in dem jenes alte immer noch bleibt, und in allem wie Du mit mir warest habe ich dich imer nur als Töchterchen sein und handeln sehn. Aber die meisten von unsern Lieben wußten wol nicht recht wie innig jenes erste Verhältniß war, und so konnten sie dich leicht mißverstehn. Es war gar kein Entgegenkommen zu einem andern Verhältniß sondern ein reines Zusammensein in dem schon bestehenden. Wenn von leidenschaftlichem die Rede sein soll so war es in mir, und  über der Zeileich begreife nicht wie die Leute es nicht gesehen haben sollten. Denn wirklich einen leidenschaftlichen Charakter hatte dieses mein Gezogenwerden zu Dir, dieses gewaltige Treiben unser Leben irgendwie zu einem zusammen zuschmieden. Aber eben auch nur dieses Gefühl  über der Zeilediese Heftigkeit diese Unruhe bis sie sich in das klare Bewußtsein löste kann ich leidenschaftlich nennen, in jeder traulichen Annäherung, in jeder Liebkosung warst Du mir immer so ganz heilig und auch ich so ganz rein dabei – so war es auch mit Eleonoren nicht! – Kurz das ist alles herrlich und schön und recht und wenn Du mich eher geliebt hättest, so wäre es in meinen Augen nichts anderes als daß Du uns eher verstanden hättest, und wie könnte mich das irgend stören? ich denke das soll noch oft vorkommen im Leben. Ueber zweierlei aber in Deinem vorlezten Briefe kann ich dir nicht schreiben, weil ich fühle ich würde ohne große Ausführlichkeit nicht klar sein, ich spare es also zur mündlichen Auseinandersezung. Das eine ist die Frage ob Du mich nicht doch mehr liebst als ich dich? Das glaubt ihr Weiber | 30v am Ende immer, und ich antworte Dir vorläufig nur, daß es nicht so ist, aber daß es sehr natürlich so scheint. Das andere ist warum du bisweilen unser jeziges Verhältniß in seiner Schnelligkeit als ein kleines Unrecht fühlst? Glaube nur daß auch das recht gut ist und schön und es würde mir gar nicht recht sein wenn es Dir nicht bisweilen käme in dieser Zeit. Laß Dich das also ja nicht stören und irren. Ich will es Dir schon befriedigend erklären, recht aus der Fülle und Tiefe meiner Ansicht von Liebe und Ehe. Aber warum bist Du noch nicht da? warum können wir noch nicht sprechen? Doch ich will nicht ungeduldig sein, die Zeit vergeht gewaltig schnell! übermorgen sind es schon Elf Wochen daß Du in der BrunnenAue deine Hand einschlugst in die meinige. Liebe es war doch ein herrlicher Augenblik. Es war mir etwas bänglich ehe ich es herausbrachte und es wurde mir schwer hast Du das nicht gemerkt? ich war so sicher, daß keine Antwort unser iniges Verhältniß stören könnte; aber ich war doch der Antwort nicht recht sicher – und unmittelbar darauf war mir so ruhig und schön, so erquikt und klar. Und wie war Dir denn eigentlich?

Also eifersüchtig bist Du Kleine auf die Küsse? Höre deshalb und weil Du mir doch damals sagtest wenn es mir anders würde möchte ich es Dir gleich sagen, muß ich Dir nur gestehen daß ich mich in Königsberg ein wenig verliebt habe in ein gar niedliches Mädchen, eine Freundin von Wedekes Töchtern, Fräulein Ida von Auerswald. Das Mädchen hat ein pikantes Gesicht, ein einnehmendes freies offnes  über der Zeile ⎡ dabei gar bescheidenes Wesen, singt sehr niedlich zur Guitarre und ist einzig und hat eine sehr schöne kleine Hand. Ich habe ihr recht ordentlich die Cour gemacht und habe auch ein Paar Zeilen von ihr zum Andenken aufgehoben. Aber geküßt habe ich sie freilich nicht, und hatte auch dazu keine besondere Neigung. Hebt das nun die Eifersucht gleich auf? Das mußt Du mir sagen denn ich verstehe rein nichts von der Eifersucht. – Loben muß ich Dich noch besonders daß du mir alles geschrieben und geschikt hast. Fahre mir ja fort damit und halte mir nichts zurük, und sei gar nicht besorgt daß Du Dich verwirrt ausdrükst. Das kann mir weit eher zu Schulden kommen, Du schreibst eigentlich sehr klar, und wenn ich Dich einmal mißzuverstehen scheine so ist das immer nur ein bloßer Schein. Und nun gebe ich Dir einen recht herzlichen lieben langen Kuß zur guten Nacht. Morgen früh noch ein paar Worte

Ich wollte noch an unsere liebe Pistorius schreiben aber ich bin abgehalten worden. | 3

Sonntag früh d 2t.

Ich hoffe nicht liebste Jette daß Du um Kathen und wem Du nur sonst willst alles zu sagen von uns  über der Zeile ⎡ auf Antwort gewartet hast . Du kannst ja wissen daß ich unmöglich etwas dagegen haben kann, zumal das ganze Verschweigen ja nur davon ausging daß Dir nichts unbequemes aus zu früher Bekanntwerdung erwachsen sollte. Ich denke du hast es Kathen gesagt sobald Du eine Gelegenheit gefunden hast denn es muß uns ja sehr wichtig sein ihn nicht böse zu machen. So auch den Andern. Die Israel – (frage sie doch warum sie mir gar nicht schreibt; ich hätte es schon längst gethan wenn ich wüßte ob es ihr auch ganz recht wäre da sie mir ausdrüklich versprach anzufangen) schien es mir auch schon zu ahnden. Der Kummerow werde ich es freilich schreiben aber es schadet auch gar nichts wenn sie es früher durch Dich oder Friederike erfährt. Bedenke aber auch daß wenn Du es so bekannt werden läßt Du die Milzower auch nicht vergessen darfst. Was die nun sagen werden darauf bin ich neugierig  am linken Rand ⎡ indeß denke ich wenn sie nichts gegen Benda haben kann ich ihnen auch recht sein . Sie schienen mir ganz gnädig zu sein, vielleicht schon durch die Vermuthungen Deines Bruders aufmerksam gemacht. Höre mit dem in Acht nehmen scheint es uns durchaus gar schlecht gelungen zu sein; ich gebe uns aber wenig Schuld, sondern die meiste der Sache, und glaube daß eben allen Leuten unsere Bestimmung für einander so einleuchtend gewesen ist

Sage mir doch Liebchen habe ich Dich denn schon in Briefen über irgend etwas gescholten unsanft? Das ist dir gewiß nur so vorgekommen weil du dir mein Gesicht nicht recht dazu gedacht hast, in dem wol alles nur ein Lächeln gewesen ist. Denn ich weiß mich ganz rein davon. Oder hat Dir nur große Jette wie ich ihr Auftrag dazu gegeben, schon erzählt von dem Unwesen was ich manchmal treibe mit den lezten Resten einer ursprünglichen ganz wilden und tollen Heftigkeit, ja Bosheit möchte ich sagen denn mein Vater sagte mir oft als Kind ich könne aussehn wie der Teufel. Nun sei nur nicht bange. Ich möchte wol jede Wette eingehn daß | 3v Du nichts sollst davon zu besorgen haben. Du kennst ja meine Härte schon. Ich kann so heftig nur sein gegen Andere, gegen mich selbst bin ich immer sehr gelinde. Und allerlei mußt Du doch noch an mir zu thun und zu ziehen finden, weil Du ja nun nicht bloß Töchterchen bist, sondern auch Mütterchen wirst.

Könntest Du mir doch bald etwas recht beruhigendes von Friedchens Gesundheit sagen. Dein Verfahren ist ganz recht; aber warum geräth es doch nicht so wie es sollte? Der kleine Junge muß uns nothwendig bleiben, der ist gar nicht zu entbehren, und er muß so tüchtig werden wie er alles Ansehn dazu hatte als ich ihn zulezt sah. Solche Männer wird die Welt immer brauchen. Daß es mit den Aerzten so gar beschwerlich ist auf Rügen, das vermehrt meine Ungeduld Dich und die Kinder hier zu haben nicht wenig. Nanny meint auch sie würden hier gesünder sein. Und ob der gute Willich sich recht auf die Kinder versteht, das möchte ich auch fast bezweifeln. Schreibe mir nur ja immer recht genau über die Kinder. Das Kleidchen sollte eigentliche das kleinste Jettchen nicht eher bekommen als an ihrem Geburtstage. Nun hat sie kein Geburtstagsgeschenk, wie soll das werden? Nun Du wirst ihr recht viel liebes und süßes von mir sagen, und vielleicht hat große Jette um ihre Schuld zu büßen den glüklichen Einfall ihr noch etwas in meinem Namen zu geben. Der liebe kleine Engel vergißt mich nun schon nicht und wie sie sich in mein Herz geschlichen hat, so size ich auch fest in dem ihrigen; das ist ganz göttlich. Aber höre Jette schreibt mir sie spräche noch viel undeutlicher als vorher. Das darfst Du nicht einreißen lassen denn es kommt auch von der Heftigkeit her. Du mußt ordentlich regelmäßige Uebungen mit ihr anstellen, sie genau zusehen lassen wie Du sprichst und sie nachsprechen lassen. Das Zuvorkommen der Heftigkeit allein hilft nicht, das Mädchen muß anfangen sich an bedachte gelassene Thätigkeit zu gewöhnen. Ach liebe Jette ich bitte Gott täglich um Weisheit für das Leben mit den Kindern. Ich fühle mich eigentlich schwach darin aber ich denke dann die Liebe thut Alles und wem Gott ein Amt giebt dem giebt er auch Verstand. Aber freilich es gehört auch überall zur Ordnung daß man von unten auf dient, und so werde ich vielleicht das Erziehen erst recht verstehn wenn ich von dem ersten Tage des Lebens werde anfangen können, und noch vor dem ersten Tage.

Ich umarme Dich Du süßes Mütterchen, Du liebe herrliche Braut.

Zitierhinweis

2850: An Henriette von Willich. Berlin, Sonnabend, 1.10. bis Sonntag, 2. 10. 1808 . In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006679 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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