D 26t Sept. 8.

No. 8.

Lieber lieber Ernst wie hast Du doch so lange mich können ohne Nachricht laßen – Ich war am Sonnabend ganz gewiß es müße ein Brief da sein, als keiner kam ward ich etwas unruhig und die ganze Nacht hatte ich allerlei Träume von Dir worin Dir viel trauriges begegnete und ich viel Angst um Dich litt. Dieser Traum wirckte noch den Morgen in mir nach so daß mir sehr schwer zu Muthe war. Ich übergab die Kinder Sophien und ging nach Götemitz um Jette zu sprechen in der Hoffnung daß diese Briefe haben würde, vielleicht auch eine Einlage für mich. Diese Hoffnung ward freilich getäuscht aber doch ward ich durch Jette so völlig beruhigt daß ich ganz heiter zurükkehrte – Seit dem Briefe vom 5ten habe ich nichts – nun morgen doch ganz gewiß. | Die Kinder sind eigentlich wohl jezt obgleich sie noch mediciniren und das Zimmer hüten der Junge ist gar freundlich und lieb. Jette abwechselnd so unaussprechlich süß und so heftig daß ich nicht weiß was beginnen. Sie hat gar keine Idee von dem Unterschiede unter uns Beiden, alles was sie von mir hört wendet sie zu ihrer Zeit wieder auf mich an. Heute z.B. hatte ich es grade eilig, nahm ihr die Scheere aus der Hand indem | 31v ich kurz sagte ich muß sie brauchen liebe Jette – da kam sie auf mich zu, schlug mich, und sagte, hättest Du mich artig gebeten so hätte ich Dir gerne die Scheere gegeben, so aber hast Du sie nicht verdient gieb sie den Augenblick zurück und so weiter. Wie lächerlich dies bisweilen ist davon hast Du keine Idee, jede kleine Predigt, jedes Verbot das sie von mir hört bringt sie wieder an mit dem größten Ernst. Ich habe bisher dies scherzhaft aufgenommen und nur allenfals lächelnd ihr gesagt daß es einfältig sei daß sie so zu mir nicht sprechen muß – kann ich etwas weiteres thun? | Uebrigens hängt sie auch jezt außerordentlich innig an mir –

Nun habe ich eine lange Beichte von allen Eröffnungen unsers Verhältnisses, Dir zu thun lieber Ernst. Erst habe ich Marianen und Tante Baier geschrieben und von Beiden sehr herzliche Antwort erhalten. Tante grüßt Dich und seit sie Dich in Wieck gesehen erinnere sie sich sehr freudig Deiner. Dann habe ich gestern auf Lottens und Jettens Rath selbst mit Kathen gesprochen, ich wollte ungern daran Du weißt er hat mich sehr in Furcht es ging aber recht gut, er war freundlich und sagte er freue sich und ich möge das Glück nur nehmen das sich mir biete. Noch habe ich | 31a geschrieben an die Hochwächter in Milzow wieder auf Jettens und Lottens Zureden, an die Israel mit dem Auftrage es der Cummerow in meinem Nahmen mitzutheilen doch sonst Niemandem. Früher schon hatte ich es auch meiner Schwägerin Caroline gesagt, die auch sehr herzlich sich freute und mir dagegen ihre Hoffnung Mutter zu werden, vertraute. Gott gebe daß es einmahl glücklich gehe. | Meine Schwester Louise war ein paar Tage während Schlichtkrulls in Sagard waren, bei mir sie ist mir wieder noch lieber geworden, ich las ihr auch Manches aus Deinen Briefen vor, das sie mit wahrer Rührung anhörte. Sie ist mehr als sie scheint, wäre doch der Benda ein andrer Mensch! und wie sieht sie ihn – welch ein Ideal lebt von ihm in ihr, mit wircklich frommer Liebe liebt sie ihn. | Einliegender Brief ist an Großmutter , Du weißt ja wohl sie wohnt in der Kochstraße 19. er enthält auch die Eröffnung unsers Verhältnisses unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Ich habe ihr bald einen Besuch von Dir versprochen. Du hast nun wohl schon Reimers und den nächsten Freunden von uns gesagt? oder wirst es thun? Hier wird es wohl nicht lange mehr Geheimniß bleiben | 31av mir ist es nun auch gar nicht mehr unangenehm wenn es auch ganz bekannt wird, und sehr lieb wenn ich durch Mittheilung zur rechten Zeit allen Empfindlichkeiten vorgebeugt. Höre in diesen Tagen reiset Schwarz seine Philippine zu hohlen – ich bin sehr froh daß es so weit ist. Gott welch ein Wiedersehn mit Philippinen! ich fühle doch daß ich sie ganz besonders lieb habe.

Jette wird wohl geschrieben haben daß wahrscheinlich Michaelis ein Lehrer in Götemitz komt, daß ich Louise hier haben werde diesen Winter ist mir sehr lieb – wircklich sehr lieb. Gott wie wenig sehe ich Jette wie wenig habe ich von ihr. Zu Fuß komt sie gar nicht mehr. Wie einsam und abgeschieden von meinen Lieben ich bin und noch mehr diesen Winter sein werde denkst du dir gar nich.

Lotte Pistorius habe ich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, sie war recht krank die Arme, nun ists besser. Mit ihr ist es beim alten. Morgen reisen Tante und Jete(?) nach der Stadt zurück da werden wir noch einsamer.

Herzens lieber Ernst laß Dich recht süß süß küssen – und einen tiefen Blick in Deine lieben Augen – und sei mir auch so gut als ich Dir bin, so unaussprechlich gut. Deine Jette.

Vergiß auch nicht des Onkels zu erwähnen wenn Du zur Großmutter gehst. Wüßte ich doch warum ich immer so abscheulich schmiere wenn ich an Dich schreibe. Aber Du solltest meine Federn sehen!

Zitierhinweis

2844: Von Henriette von Willich. Poseritz, Montag, 26. 9. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006673 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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