Den 4t. September.  über der Datumszeile nachgetragen abgeschickt den 5.

No 5.

Nur wenige Worte werde ich Dir heute sagen können, mein theurer Ernst. Es ist spät, die Gesellschaft ist eben aus ein ander gefahren unter denen auch die Götemitzer waren, und Morgen in aller Frühe fahren Sophie und ich nach Götemitz um der theuren Jette zu ihrem Geburtstag Blumen und einen Kringel zu bringen. Ich bin sehr emsig gewesen um ein kleines Behältniß zu den köstlichen Blumen die ich erhalten, zu verfertigen und bin noch nicht ganz fertig.

Lieber Ernst so bist Du wircklich in Königsberg ? mir ahndete wohl daß es dazu kommen würde. Ich nehme so gerne die Beruhigung die Jette in dieser Reise findet auch mit auf – O Ernst glaube nur ich fühle ganz das Schöne darin  korr. v. Hg. aus: dasdaß unser Schicksal in so nahem Zusammenhange mit dem Ganzen steht, ich fühle mich groß in Dir mein ganzes Wesen gehoben durch Dich – o Lieber wie stolz bin ich oft auf Dich. Jette sagt wohl sehr wahr daß auch im Untergange für solchen Zweck etwas sehr Großes ist – Ernst ich wollte auch Alles ruhig erwarten und über nichts klagen könnte ich sagen, wo Du bist werde ich auch immer sein, und so Du hin komst werde ich Dich begleiten. Aber wenn ich mir das schrecklichste denke müßte ich nicht dennoch ein elendes Leben fristen | 22v dürfte ich Dir folgen und die Kinder allein lassen? aber warum etwas verfolgen was sich gar nicht ausdenken läßt – | Gott sei mir Dir mein Ernst wie meine Gebete Dich begleiten. | Ich bin schon so glücklich in dem Bewußtsein  korr. v. Hg. aus: dasdaß Du mein bist  korr. v. Hg. aus: dasdaß Du mich liebst daß ich wohl viel Trübsal tragen könnte. Und wenn dann nach aller Trübsal das schöne Leben wircklich wird so wird es auch ein wahrhaft himlisches. Autorfußnote (Bl. 24 am Ende des Brieftextes vom 4.9.1808) Jette scheint mir aber auch darin Recht zu haben daß eigentlich kein Mittelweg statt haben kann und eigentlich von keiner zu tragenden Trübsal die Rede sein kann, sondern ganz glücklich oder ein Elend das über mein Vorstellungsvermögen ist. – Es ist ein wunderbares Gemisch von Empfindungen in mir, die Vergangenheit ist mir wieder näher getreten und alte Erinnerungen sind wach geworden in dieser Zeit. Du weißt was der morgende Tag mir alles bedeutet. Ich habe mich wieder fast noch inniger an Ehrenfried geschlossen ich habe tief gefühlt wie ich es niemals missen könnte sein Bild in mir heilig zu halten, sein Andenken immer wieder in mir zu erfrischen – ja wie sehr es die erste Bedingung meiner Glückseeligkeit ist daß ich seiner Liebe und seiner Zufriedenheit gewiß bin.

Ich muß Dir sagen nicht so in jedem Augenblicke in welchem ich etwas Schönes durch Dich genoß verwebte sich mir lebendig sein Bild damit – ich konnte oft seiner vergessen oder doch nur in flüchtiger Erinnerung an ihn vorüberstreichen wenn ich recht glücklich in der Gegenwart war. | 23 Aber in Augenblicken stiller Samlung betete ich zu ihm wie zu einem Schutzheiligen, und so ist mein Leben mit ihm.

Nicht immer genieße ich eines solchen Gleichgewichts in meinen Gefühlen als ich mich deßen in diesem Augenblick erfreue. Ich fühle mich nun wieder ganz in allen meinen Verhältnissen in dem zu Ehrenfried, zu Dir, zu meinen Kindern, zu meinen Geschwistern und Freunden. Es ist nicht immer so das kennst Du wohl schon an mir; mir ist aber als würde ich sie nun nicht wieder verlieren, diese wohlthuende Harmonie. | Ich könnte Dir auch noch viel sagen von den süßen Kindern und wie ich jezt auch wieder frischer mit ihnen lebe – o die unaussprechlich geliebten Kinder! Wie freue ich mich an Deiner Liebe zu ihnen – welch ein herrlicher Vater wirst Du sein! ja wohl hast Du Ähnlichkeit in Deinem Wesen mit Ehrenfried! – Wie kann ich doch auch bei meinem jetzigen Glücke mit inniger Wehmuth dem Gedanken nachhängen  korr. v. Hg. aus: dasdaß er nicht mehr ist  korr. v. Hg. aus: dasdaß ich ihn niemals wiedersehe der mir so theuer war – –

Wie innig danke ich Dir  korr. v. Hg. aus: dasdaß Du mir so oft Nachricht giebst, bleib auch ja dabei Du glaubst nicht wie ich schon immer vorher darauf hoffe und wie mir leer zu Muthe | 23v ist wenn die Post mir nichts gebracht. In Landsberg muß es Dir wunderbar gewesen sein. Du kannst denken  korr. v. Hg. aus: dasdaß ich mich sehr für die Frau interessire da sie Dich geliebt hat und begierig bin mehr von ihr zu wissen. Wenn wir erst beieinander sind, trauliche Abende und Morgen haben, dann mein Ernst, nicht wahr? Wenn Du mir hier aus der Geschichte Deines Lebens gelegentlich etwas mittheiltest und ich dann nicht weiter in Dich drang sondern nur bei dem stehen blieb was Du mir aus freier Willkühr gegeben das hast Du doch wohl niemals unrecht gedeutet? nie als Mangel an lebendiger Theilnahme? nein mein Ernst das war eine gewisse Ehrfurcht die mir das unmöglich machte, selbst als ich schon wußte daß Du Dich mir selbst geben und also auch Alles mit mir theilen wolltest.

Höre lieber Ernst mir ist nachher eingefallen daß es ja fast so ist als habe ich mich Dir zur wircklichen Frau aufgedrungen, da ich Dir nicht bestimt darauf antwortete als Du mich batest nur so zu heißen und Du bald nachher so ausgemacht annahmest  korr. v. Hg. aus: dasdaß ich es sein würde.

Lieber Ernst mochte ich gleich nicht weiter darüber sprechen so nahm ich doch an grade was Du mir botest, wußte aber zugleich daß ich dir immer alles würde sein wollen was du selbst wünschtest, daß ich Dir dem Reinen Frommen in keinem Augenblicke entgegen stehn könne, daß immer reiner Einklang in uns sein müße. Und so ließ ich es ganz dahin gestellt sein wie | 24 es kommen würde. Vom ersten Anbegin unseres neuen Verhältnisses war es durchaus mein Gefühl Alles recht gehn zu lassen wie Gott es fügen werde und mir nicht einmahl einen Wunsch zu erlauben

Gute Nacht lieber lieber Mann mir ist doch wircklich so wie Du schreibst als seiest Du auf der Reise und werdest mich bald hohlen – Gott geleite Dich.



Jette läßt Dich fragen ob Du nicht einen Brief von ihr erhalten worin sie über den schönen Gedanken von Dir mit dem Grabstein, geschrieben, er muß sonst verlohren sein, Du hättest ihn schon sollen gehabt haben als du deinen 4ten Brief abschicktest.

d. 5t Mittags.

Diesen Augenblick kommen Sophie und ich aus Götemitz zurück – ich soll Dich sehr innig von Jette grüßen. Du warst unter uns und Ehrenfried in der schönen Stunde da wir Jetten Alle die Gaben der Liebe brachten. Ihr Zimmer ist ein kleiner Blumengarten | 24v die kleine Jette hat sie auch bekränzen helfen, o daß doch Ehrenfried einmahl ein Zeichen von sich geben könnte  korr. v. Hg. aus: dasdaß er sich unserer erinnert und auch jezt um uns weiß!

Wie haben sich die Kinder über die Bonbons gefreut. Jette hat mir auch welche geben müßen ich bin auch Töchterchen.  korr. v. Hg. aus: DasDaß Dir die Weste lieb ist freut mich sehr, Nanny hat Dir doch gesagt daß ich das Zeug noch von Ehrenfried hatte? Lotte Kathen hatte es ihm zum Weinachten geschenckt. Heute Nachmittag fahren Jette und Lotte auf einige Stunden zur Pistorius die unwohl ist, und hohlen mich ab. In unserm Kreise ist alles unverändert wie Du es kennst. Mein kleiner Junge ist nicht frisch seit lange, obschon er das Fieber nicht wieder gekriegt; er soll gebrauchen, er hat gewaltige Magenschwäche. Wenn Jette an Lotte in Schlesien schreibt, schreibe ich mit. O Ernst das ist wohl herrlich daß so liebe Menschen mit Hoffnung auf unser Leben blicken – ach Gott werde ich aber nur ihre Erwartungen anfüllen, ich bin so stolz und so demüthig zugleich und zuweilen recht muthlos. | Lebe wohl theurer Mann. Dies ist wieder mein Erwarten ein ordentlicher Brief geworden. Die schönsten Grüße von Allen

Deine Jette.

Zitierhinweis

2815: Von Henriette von Willich. Wohl Poseritz, Sonntag, 4.9. bis Montag, 5. 9. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006644 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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