D 11t. Aug. 8.

An Lotte Kathen

Sein Sie mir herzlich gegrüßt meine geliebte Freundin meine theure Schwester, in dem Andenken an die schöne Zeit die wir miteinander gelebt haben in so lauterer und inniger Liebe und Freude. So reiche Früchte kann sie freilich sonst niemanden tragen als sie mir gebracht hat; aber sie muß uns doch Allen zur neuen Lebenserfrischung gereichen und Ihre Liebe zieht auch das Schöne was mir besonders geworden ist mit zu sich herüber, wie denn alles unter uns gemeinsam sein und bleiben muß. Wenn mir das nicht so tief eingeprägt wäre müßte ich mich auch ordentlich schämen daß ich so auf allen Seiten das meiste und beste davongetragen habe. Sie haben mich doch eben nur so gesehen wie Sie mich sonst schon sahen und kannten, nur etwas länger und vielleicht etwas freier. Gekannt habe ich Sie nun freilich auch wie Sie sind; aber der unmittelbare Blik in das innere Ihres Lebens war mir doch so noch nicht vergönnt gewesen, und das ist etwas großes. In welchem Geiste Sie mit Ihren Kindern leben mit Kathen in Ihrem ganzen Hauswesen davon habe ich doch nun erst ein recht festes Bild, und kann nun um so mehr mit Ihnen leben  über der Zeileauch in der Entfernung und Ihnen in das Einzelne hinein folgen. So lassen Sie mich nun auch die Früchte davon recht genießen und erhalten Sie mich immer im Zusammenhange mit Ihrem ganzen Leben theure Lotte daß mich  über den ursprünglichen Text geschriebenich alles mit berühre was irgend auf eine merkwürdige Weise mich  über den ursprünglichen Text geschriebenSie bewegt, und ich wisse in welchem Maaß schweres und erfreuliches Ihnen zukommt. Jezt begleite ich Sie unter die Mühseligkeiten der Erndte und wünsche nur daß auch die Freude die doch das Einsameln des Segens eigentlich jedesmal hervorbringen muß mit in Sie übergehe und Ihnen die Beschwerden würze. Auf der Rükreise fanden wir schon um Anklam die Erndte begonnen und näher hieher zu fast vollendet, aber je näher an der großen Stadt um desto mehr verschwand auch meine Theilnahme, weil man doch in diesem Leben so gar nichts davon gewahr wird. Glauben Sie mir auch von dieser Seite, was Sie vielleicht weniger fühlen können ist mir diese Zeit sehr wohlthätig gewesen, daß ich dem Arbeiten des Menschen in der Natur | 32v dieser Grundlage aller übrigen Thätigkeit und alles Wohlergehns wieder einmal recht nahe getreten bin und mich recht daran erfreut habe[.] Wie der einfache stärkende Geruch der blühenden Kornfelder und der Wiesen auf die Sinne, so wirkt diese Anschauung immer auf mein Gemüth. – Vor allen Dingen aber lassen Sie mich recht fortgehn mit Ihren Kindern; ich hatte mich je länger je mehr mit ihnen eingelebt und an ihnen erfreut kann ich wol sagen, ich meine nämlich die älteren, denn die kleinen habe ich leider zu wenig gesehen. Für diese müßten Sie eigentlich eine recht verständige in einer gewissen Art etwas gebildete Wärterin haben, das würde Ihnen viel Mühe und kleine Noth für die Zukunft ersparen, aber so etwas ist wol auf Rügen ein frommer Wunsch. – | Liebste Lotte hätte ich doch auch erst ein solches Leben Ihnen zu zeigen und könnte Sie dazu einladen. Einigermaßen können Sie Sich doch aus meinem Leben in Götemiz und aus meiner Art mit Jettchen mit Nanny und mit den Kindern zu sein eine Vorstellung davon machen, und so werden Sie freilich nicht so ungeduldig sein als ich. Liebste Lotte ich fürchte ich werde es immer mehr werden, und werden nicht geringere Beschwerden von meiner Erwartung zu tragen haben als Sie von der Ihrigen. Auch habe ich mir schon vorgenommen in dieser Hinsicht recht schön mit mir zu thun und mich recht zu pflegen, alles recht leicht zu nehmen und durch das was einmal nicht leicht ist recht frisch durchzugehn, damit ich recht gut überwintern und wolbehalten das schöne Frühjahr entgegen nehme welches das schönste meines Lebens sein soll. Ich weiß nicht ob irgend jemand mein jeziges Gefühl in seiner ganzen Eigenthümlichkeit theilen kann; ich glaube doch es ist sehr einzig zusammengesezt und ich müßte ein Dichter sein um es recht lebendig auszusprechen. Vielleicht sagt jeder Verliebte so, aber ich glaube doch ich habe recht. Die Trauer auf der unsere Liebe ruht, und die immer innig mit ihr eins bleibt, mein ganzes früheres Verhältniß zu Jettchen , und die Art wie jezt grade die Welt Anspruch macht auf mein ganzes Wesen und auf mein innerstes Herz, da ich mich so gern ganz in mich selbst zurükzöge, dies alles mag wol bei Wenigen so zusammen gekommen sein. – Grüßen Sie mir die Kinder aufs herzlichste und den braven Kathen , und Großmama empfehlen Sie mich recht derweil(?); möchte sie nur manches vergessen was sie gehört hat, oder sich auch an alles erinnern was sie gesehen hat damit sie doch etwas ungewiß bleibt. Gott segne und stärke Sie.

 am linken Rand Lassen Sie doch unserer Pistorius einen Gruß zukommen bis ich ihr schreiben kann.

Zitierhinweis

2785: An Charlotte von Kathen. Berlin, Donnerstag, 11. 8. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006614 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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