B. d. 10t. Aug. 8.

An Jettchen Nr. 2

Hier size ich nun liebste Jette in meiner alten Einsamkeit, ohne mich indeß noch recht hineingewöhnen zu können. Die Arbeit will mir nicht sonderlich schmekken weil mir so viel andere Dinge im Kopf herumgehn, und tausendmal des Tages klage ich darüber daß ich Dich und die Kinder noch nicht hier habe. Noch jezt eben beim Thee habe ich Nanny davon vorgewinselt, wie schade es ist daß wir das nicht besser überlegt und einen rascheren Entschluß gefaßt haben. Plaz hätten wir doch zur Noth Alle gehabt meint sie, und daß es uns an Brodt sollte gefehlt haben, eine solche einfältige und schwächliche Sorge kann mir doch niemals eingefallen sein Dir gewiß auch nicht sondern Du würdest mit Vertrauen gekommen sein wenn Du das meinige gesehen hättest. Also sind es eigentlich nur die leeren Sorgen anderer Menschen und das Aufsehn und das Gerede was uns auseinander hält. Sollte man das wol in die Wageschale legen gegen das andere weit größere daß wir uns nun wirklich schon hätten daß es schon schöne Wahrheit geworden wäre und wirkliches Leben was wir beschlossen haben? Sündige ich nicht gegen Dich meine süße geliebte, zumal Du auch meine kräftige muthige bist, daß ich noch so lange die Pflichten gegen Dich und unsere Kinder unerfüllt lasse die ich doch eigentlich schon übernommen habe? Glaube mir liebes Herz, es ist nicht leidenschaftliche Ungeduld, nicht krankhafte Sehnsucht, sondern nur das richtige tiefe Gefühl von dem Charakter dieser Zeit, in welcher nichts durchaus nichts sicher ist als der gegenwärtige Augenblik. Hätte mir dies auf eurer schönen ruhigen Insel so bestimmt vorgeschwebt wie hier, ich glaube doch wir hätten dann irgend andere Maaßregeln ersonnen um alles besser und schneller zu vereinigen. Du bist wieder ganz außer Schuld meine gute, aber bin ich es auch? Verdiente ich nicht streng genommen daß mir die schöne Hofnung weil ich sie nicht zu binden wußte und durch die Stärke des Willens in Wahrheit zu verwandeln gleich wieder verschwände, und daß mich das Schiksal hinwegraffte ohne daß ich dich wirklich gehabt hätte. Und wenn es noch besser kommt habe ich nicht wieder tausendmal mehr Glükk als ich verdiene? Freilich wenn ich mir jezt vornähme alle Schwierigkeiten zu heben und Dich noch diesen Herbst zu holen, so wüßte ich nicht wie und würde es nicht im Stande sein; aber dort bei Dir mit Dir gemeinschaftlich nachsinnend glaube ich würden  über den ursprünglichen Text geschriebenwürde ich schon etwas tüchtiges und rechtes gefunden haben. Freilich hätte sich diesen Winter unser gemeinsames Leben leicht mit viel Unruhe und Leiden anfangen können, und so habe ich Dich in ganzer Sicherheit und unter dem Schuz lieber Freunde zurükgelassen. Aber ich denke wie du wenn Du schon meine Gattin wärest nicht wollen würdest zur Zeit der Noth und Gefahr von mir hinweg gebracht werden: so wärest Du auch wol eben so gern früher die meinige geworden um sie gleich mit mir zu theilen. Warum sage ich Dir aber nur dies alles, da es doch nicht umhin kann Dich wemüthig zu machen und vielleicht gar etwas verwirrt? Weil Du eben doch wissen mußt wie mir zu Muthe ist, denn es ist nicht einmal etwas vorübergehendes, sondern es wird immer etwas davon bleiben bald mehr bald minder hervortretend in meiner Stim | 12vmung bis endlich die glükliche Stunde schlägt. Dann aber auch damit Du mich nicht besser siehst als ich bin, und damit Dir die Schwäche in meinem Charakter nicht entgeht die darin liegt. Oder kommt es Dir nicht auch so vor als sei ich doch nicht brav genug gewesen, nicht Mann genug um stark durchzugreifen durch ein leeres Fantom. Sollte ich es nicht wenigstens mit dir überlegt haben beinah  über der Zeileob die wahren und wesentlichen Schwierigkeiten wirklich so groß wären? – Und nun liebste Jette will ich mich aus dieser Sehnsucht und diesem Kummer heraus versuchen in den Schlaf zu wiegen und morgen sage ich dir noch ein Paar Worte. Ach liebe, sprich sehnst Du Dich wol auch nach mir? weißt und fühlst Du recht was ich an Dir habe, und wieviel reicher und herrlicher mein Leben sein würde wenn ich Dich nun schon hätte? Aengstiget es Dich auch nicht, daß meine Liebe Dir, nun wir getrennt sind, nicht mehr so ruhig erscheint als in der schönen Zeit des Beisammenseins? Laß aber nur gut sein, es ist doch immer eine und dieselbe Liebe und die Ruhe ist doch ihr Grundcharakter. Auch wird mir immer ruhiger und stillfreudiger je lebendiger ich Dich vor mir habe.

Geschwinde laß nun Dir und den Kindern einen recht lieben guten Morgen sagen. Ich habe gegen Morgen recht viel davon geträumt daß ich dich halte, und darauf bin ich nun schon recht fleißig gewesen, zum erstenmal eigentlich und will nun recht sehn wie weit ich es heute treiben kann. Eigentlich soll es mich doch meiner Natur nach recht drängen so tüchtig als möglich zu arbeiten, dann lebe ich auch am innigsten und herzlichsten mit allen meinen Freunden und mit Dir vorzüglich. Wegen der botanischen Bücher habe ich Reimer schon getrieben und ich denke sie Dir bald schikken zu können damit Dir das lezte Ende des Sommers nicht ungenuzt hingeht. Auch Nanny hat schon Verlangen bezeigt fortzufahren. Wenn Du mir recht was liebes thun willst so gieb doch dieser den Auftrag mich manchmal wenn sie glaubt daß es mir vorzüglich nöthig oder heilsam ist von Dir zu grüßen, wie Du weißt daß ich dich von Ehrenfried gegrüßt habe. Höre noch eins; die Israel schien mir als ich sie den lezten Morgen sah auch eine Ahndung zu haben von uns beiden. Sie sagte so bedeutend sie rechne so gewiß darauf mich nächstes Jahr wieder zu sehn, und wenn von meinem Leben die Rede war meinte sie sie hoffe noch recht viel herrliches davon, und dergleichen mehr. Ich möchte wissen wie sie wol möglicher weise darauf gekommen sein kann. Nun laß gut sein, ich habe nichts gegen solche Ahndungen vielmehr hätte ich die größte Lust das schöne Geheimniß der ganzen Welt zu offenbaren die nur irgend im Stande ist Theil daran zu nehmen. Liebe Jette, wie bin ich doch eigentlich innerlich froh! ich habe den köstlichsten Schaz gefunden, und ich möchte eben alles andere hingeben und die ganze Welt zu Gaste laden auf das herrliche Leben. Es wird mir auch immer weniger schwer Dich aus dem herrlichen Rügen herauszureißen, denn kommen wir nur irgendwo in Ruhe so wollen wir doch eine Art von kleinem Paradiese bauen. Liebe süße wo Du bist ist Unschuld und Liebe und frisches Leben, und wenn ich noch den Baum des Erkenntnisses hineinbringe so ist ja das Paradies fertig. Tausend Küsse Dir und den Kindern. Mache daß sie mich nicht vergessen und die herzlichsten Grüße an Schwester Sophie Dein Ernst.

Zitierhinweis

2783: An Henriette von Willich. Berlin, Mittwoch, 10.8 bis Donnerstag, 11. 8. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006612 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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