Deine erste Sendung lieber Freund ist mir nach Sagard nachgekommen, die zweite habe ich bei der Rükkunft von dort vorgefunden. Wir waren elf Tage von hier abwesend, immer vom Wetter aufs herrlichste begünstiget. Jettchen Willich immer mit uns, die Kathen und Luise zur Hälfte. Nun würden wir auf unsern Abzug denken, wenn ich nicht die größte Lust hätte, erst Herrmann Baiers Einführung als Diakonus in Altenkirchen beizuwohnen welche den 30ten Juli ist[.] Den 2ten August denken wir dann gewiß zu reisen, aber wie die Herz es sehr wünscht über Anclam und Prenzlow um am lezten Ort ihre Schwestern und Wolfs zu sehen. Das wird uns wol einen Tag länger unterwegens aufhalten als sonst nöthig wäre[.] Auch finden wir vielleicht von Prenzlow aus Gelegenheit und kommen so nicht minder wohlfeil weg als auf die andere Art. Reist Caroline Wew. eher ab, wie sie glaubt zu müssen, so reiset Benda , der Bräutigam von der Kathen jüngsten Schwester mit uns. Wir sind also was die Ausgaben betrift immer leidlich arrangirt aber doch reichen die 20 Ld’or nicht ganz. Schadet | 96v auch nicht sonderlich viel da Deine erste Sendung zugleich eine Anzeige von Minister Stein enthielt daß 200 R für mich angewiesen und gegen Quittung bei Hund zu heben wären. Ich hoffe sie laufen bis zu meiner Rükkunft nicht davon, und wenn sie verbraucht sind komt wieder ein dito. Indeß läugne ich nicht daß dieser mißliche Zustand anfängt mich herzlich zu langweilen und daß ich sehnlich wünsche es möge bald zu einer Entscheidung kommen. Gerüchte wie man sie auch jezt hier wieder hat daß der König die Krone niederlegen wolle beunruhigen mich nicht leicht aber es wird mir doch immer zweifelhafter ob diesen Sommer etwas geschehen wird um die Sache zu wenden oder zu enden. Beschäftigung gestehen die Franzosen ja ein in Spanien wenn sie auch nicht von Verlust reden, und  über der Zeileaber auch jenes müßte schon ein kräftiges Signal zum Ausbruch sein. Regt man sich aber anderwärts nicht: so muß natürlich die Sache ein solches Ende nehmen wie in Neapel. Hier spricht man jezt auch mit großer Gewißheit daß in den nächsten Tagen die Truppen eingeschifft werden sollen um nach Schweden zu gehn. Sie sind zur Uebung schon mehreremale ein und ausgeschifft worden. Diese Unternehmung wenn sie wirklich gemacht wird spannt meine ganze Erwartung. Wo die Engländer sind weiß man nicht. Schiessen hörten wir auf Jasmund fast täglich in der See aber wir haben nicht das Glükk gehabt auch nur | 97 ein einziges Schiff zu sehen. Auf Wittow erzählte man, es sei ein paar Tage vorher von Hiddensee aus eine Flotte von 80 Segeln gesehen worden. Auch ist zum großen Verdruß der Franzosen in Pommern ein schwedischer Officier mit ein paar Mann heimlich gelandet, und haben in größter Ruhe ein Paar Tage recognoscirt ohne gefangen worden zu sein

[Anne (Nanny) Schleiermacher:] Schleier ist aus, und die Brife müßen heut fort, wider Vermuthen, und da der Brif später als wir selbst ankäme, so schike ich ihn so wie er hir ist fort. Die Hertz trägt mir viele Grüße ann Sie Alle auf.

Nanny

Zitierhinweis

2771: An Georg Andreas Reimer (auch von Anne (Nanny) Schleiermacher). Götemitz, um den 20. 7. 1808 . In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006600 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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