Habendorf d 16 July 1808.

Dieses mahl habe ich doch ein richtiges Vorgefühl gehabt, daß Du mir bald antworten würdest – wie schön bin ich für manchen zagenden Gedanken belohnt – obschon noch nicht ganz befriedigt, indem du mir doch vieles gar nicht beantwortest – so wie du das mehrere Jahre hindurch schon gar sehr unterlaßen – ! Wie sehr hat dich vor älteren Zeiten mein Wesen mit den Kindern in der Anstalt gefreut – nie kontest du genug davon hören – Freilich da du mir in deinem lezten es gewißermaaßen zum Vorwurf machst daß meine Persönlichen Verhältniße mir nächst der Gemeine das liebste in der Welt sind; so ist es, und wäre längst weit beßer gewesen, ich hätte dich sparsamer davon unterhalten – aber – wer gab mir das treflichste Beispiel, auch von allen Umgebungen in Briefen bekant zu machen und trieb mich imer an alles hübsch ordentlich mitzutheilen! In meinen vorigen Briefen – ehe Du Halle ganz verließest – habe ich Dich manchmahl gefragt, was du von der Laage der Dinge dächtest – usw aber es wäre mir vorlaut und lächerlich vorgekommen darin fortzufahren, weil du dich über alles ausschweigst – und ich werde auch jezt noch meine kleinen Streitigkeiten über diesen Gegenstand auskramen – oder mich anstellen als wolte ich mit meiner Weisheit hervortreten – wenn schon ich in meinem Theile als Weib und ächte patriotin auch bey dieser großen Catastrophe – und noch immer dauernden crisis nichts weniger als gefühllos war – und bin – wer könnte dis auch sein da das Ganze All und fast jedes Einzelne darunter leidet! – | 18v daß dieser große Gegenstand mehr für Männer paßt – ist ohnstreitig und diese mehr in Wuth kommen – und in ihren Unterhaltungen wenn sie mit gemäßigtem Enthusiasmus sprechen – kraft ihrer tiefen Gedanken alles beßer auseinander stellen können – ich habe in Gnadenfrey manche liebe Schwester in patriotischer Wuth gesehen und gehört – die gar tüchtig ausgelacht wurde – und mir’s ad notam genommen –. Die gute Seidliz (die nun wieder mehr von dir hält) sagt oft – es hätte schrekliche Auftritte gegeben wenn mein Mann das erlebt – und diese Menschen in seinem Eigenthum so despotisch hätte sprechen und fordern hören – und dann noch seinen ächten patriotismus – doch genug davon! –! Von der erhaltenen PredigerStelle – hatte ich schon vor Empfang deines Briefes von der Forrestier gehört, an welche es ihre Freundin Langsaison mit vieler Theilnahme berichtet hatte , so wie deine Ausflucht nach Ruegen – – eigen ist es mir – bei der Vorstellung daß du dann wohl in der nehmlichen Kirche predigst in welcher unser Großvater gepredigt hat – Gott gebe daß die Mark dieses alte StammHaus Preuß isch bleibt – und auch eine Universität dort eingerichtet wird – dann will ich mich recht freuen und hoffe alsdann auch wieder andre Briefe von dir zu erhalten – von dem jungen Langsaison – läst du mich doch gar nichts hören – gleichgültig kann er dir nicht sein, da er mit so recht inniger Wärme an dir hängt gern bäte ich dich mir etwas über ihn zu schreiben – aber – es hilft ja nichts | 19

d 11t August

Wie mich Dein Brief überrascht hat – und wie ich bald etwas ganz besonders ahndete – und über alle vorige wirkliche oder mich doch angreifende Scheinkälte – ausgesöhnt sein würde – das alles hast du dir wohl selbst schon gesagt! guter lieber Mensch! wie freue ich mich doch so herzlich über Dein schönes Verein. Kaum hatte ich den Nahmen Willichs Witwe – oder der süßen Tochter erblikt – so entstürzten mir Freudenthränen wie könte ich anders als meinen ganzen Seegen dazu geben mit der innigsten Bitte zu Gott daß Er es nach seiner Weisheit und Liebe auch in die äußre Darstellung übergehen laße – da es sich so in die Länge verzieht – mögte ich so glüklich seyn Euch Alle bei mir und auch in Schmiedeberg zu sehn – und auch die Kinder die mir unaussprechlich lieb und werth sind – Alle sind mir bald gut – von dem Kleinsten Jahr Kind bis zum grösten! Die große Jette, auch, die mir ein so köstlichen Brief geschrieben – zwar nichts buchstäblich von der großen Begebenheit andeutet – aber doch von dem herrlichen schönen Sein – was in dir, und durch dich aufgehen wird – auch für Sie – die Gute!! hat deine süße Tochter und Braut – keine kleine Jette – so wären es ihrer 3 – von der Kathen ihrer Freude sagst du mir nichts – was sagt Willichs Bruder! oder ist er nicht mehr dort – und die alte trefliche Frau, die in pararel mit der Bertram steht – hat sie dir mit sanfter Rührung und Würde ihren Seegen ertheilt oder lebt sie nicht mehr? und die Pistorius – – –! „ja wenn der Mann und die Alte – schnell enden(?) könten –“ sagte die Seidliz | 19v „dann, verbindet er sich mit der Witwe und bereitet ihr ein beßres Leben – aber Sie werden sehen – was machen die paar Jahre aus die Sie mir entgegensezen! Er nimt sich die Witwe nach dem Herzen Gottes[“] – – das alles sagte sie den Abend vor ihrer Abreise – welche Heut vor 8 Tagen vor sich gieng indem sie Adolph in die Anstalt bringt – die frohe Bertha hat sie zu ihrer Begleitung mitgenommen, da sie auch ihr alter Vater noch nicht gesehen hat – ich bin nun allein mit Emilien – und habe mich in diesen Tagen – in Langersdorf aufgehalten – bei sehr lieben Leuten, die wir oft besuchen – ihr Gut hat eine trefliche Laage, und Garten Insel – und Wäldchen – wo gewiß über 20 kleine Ruhepuncte und Size angebracht sind – versezt mich jedesmahl nach Langersdorf ! – ich solte Dir dergleichen gar nicht erzählen weil es mit in meine Persönlichen Verhältniße verwebt ist kan’s aber nicht laßen – Seit Jahr und Tag – liegt dort ein Preu ßischer Capitain der als ein recht artiger und eigen gebildeter Mann mir erschien – aber erst bei diesem Auffenthalt sagte er mir, daß er beide Brüder kent; Offeney ist sein Nahme – du erinnerst dich gewiß ihn 1805. bei Alberty gesehn zu haben –; er wünscht sehr Steffens Schiksaal zu wißen – ich entsinne mir nichts bestimmtes darüber, laß doch etwas davon hören – hast du nicht Zeit so trage es der Nany auf – alle meine Fragen fein bald zu beantworten! Mit recht inniger Liebe umarmt Dich

Deine alte Lotte

Merkwürdig daß du diese Bekantschaft auch im July machtest – und mir schriebst daß diese Reise eine große Begebenheit in deinem Leben machte.

Zitierhinweis

2769: Von Charlotte (Lotte) Schleiermacher. Habendorf, Sonnabend, 16.7. bis Donnerstag, 11. 8. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006598 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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