d. 24t. May. 8

Die Aussicht von Pillau nach Schweden hinüber mag wol nicht die angenehmste sein liebster Freund, zumal Du wie verzaubert von so viel befreundeten Schiffen umgeben die Ueberfahrt doch nicht machen kannst und ich kann deine Sehnsucht hinüber recht theilen: allein mit dem castra sequi möchte es doch nichts sein nachdem ihr Finnland vielleicht zu voreilig aufgegeben habt und der Dominus utilis der göttlichen Allmacht einsieht daß auf der andern Seite nichts zu machen ist. Ich denke nun ihr werdet Finnland entweder in Norwegen erobern und den braven Normännern die Tugendübung ersparen sich von ihren neuen Alliirten aufessen zu lassen oder ihr werdet ziemlich ruhig hinter den Coulissen bleiben bis zum lezten Akt. Das ärgste was einem jezt begegnen kann ist in der That wenn man den Glauben an den lezten Akt und an die poetische Gerechtigkeit verliert. Ich bin in diesem Stükk noch ganz glüklich dran, und da die Barbaren im Osten nicht eben scheinen | ein neues Mittelalter hervorbringen zu können, so glaube ich immer noch, daß sich Europa in sich selbst regeneriren wird, und daß Ihr dann eure Barbaren auch wieder los werdet. Freilich müssen noch ein Paar Meisterstükke gemacht werden an Oestreich und der Türkei aber ich denke, die werden in diesem Jahre noch fertig dann aber hoffe ich soll alles gut werden und beneide jeden der das Glükk hat in irgend einem Sinn eine politische Person zu sein. Leider kann ich nichts thun für die Regeneration als predigen. Wie ich das gethan habe, das liegt auf schönem Velin Papier für Dich bei mir, und ich hoffe durch Stegemann (?) eine Gelegenheit zu finden dir es zuzuschiken . | Ihr könnt dann eine glükliche und höchst vornehme Nation werden wenn Ihr Euch rein erhalten habt von corsischem Blut auf dem Thron und die einzige seid die nichts zu bereuen hat. Denn England hat doch wol sein früheres Verfahren gegen den continent zu bereuen, ihr aber habt soviel ich weiß die Ehre streng repraesentirt. Ich wollte Du hättest auch in Pillau gute Laune | genug um nach dem schönen ernsten Vermächtniß an Bernstorf ihm auch ein scherzhaftes zuzufertigen über die großen Vortheile der neuen Verbindung in welche Dänemark so glüklicherweise gerathen ist. Die armen Dänen sind immer zu beklagen denn sie sind in Wahrheit durch Nothzucht zu den Franzosen gekommen aber die Art wie sie sich nun dabei gebehrden und ihr Bulletin ausgeben ist gewiß nicht der unlustigste Theil der Tagesgeschichte. | Wir hier stellen noch immer den Frieden vor in dieser Comödie, und der ist natürlich eine stumme und höchst langweilige Rolle; man sieht recht daß der bloße Friede nur eine reine Negation ist und die Franzosen die es überall so genau nehmen mit der Sprache schärfen uns dies recht ein. Indeß ist es mir doch lieber als wenn preußischer Seits so Friede und Freundschaft geschlossen worden wäre wie zwischen den beiden Kaisern; und so überzeuge ich mich auch daß du dasselbe auch um den Preis der gegenwärtigen Lage nicht zu theuer erkauft hättest.

Obschon ich nicht einsehe woran und wie wir wieder zu der Gemeinschaft gelangen werden wenn du einmal das diesseitige Ufer verlassen hast so wünsche ich es dir doch | herzlich weil ich das unbehagliche Gefühl deiner unthätigen Einsamkeit sehr mit dir theile. Der Himmel führe Dich glüklich hinüber die Zeitungen werden mir dann von dir sagen; die aber in denen Du von mir liesest erscheinen nur alle halbe Jahre; also habe ich Ursache mich deinem Andenken zu empfehlen. Ich will suchen soviel tüchtiges zu produciren als ich kann; und komt je eine Zeit wo man auch anderes thun kann so hoffe ich meine Stelle auch auszufüllen. Laß mich noch von Dir wissen wann es dir irgend möglich ist.

Schl.

Warum hast Du doch dem Spalding abgezwungen deinen ersten Brief dem Feuer zu geben? ich hatte gewiß verdient ihn zu genießen.

Und was sagst du nur zu Friedrich Schlegels Catholizismus? Die Geschichte davon, nicht etwa als ob ich glaubte er hätte eine äußere, sondern die innere möchte ich gern wissen, ich kann den Uebergangspunkt aus seiner Denkart wie sie mir zulezt bekannt war durchaus nicht finden. Ueber meinen Erz Protestantismus weiß ich hat er schon lange geklagt.

Zitierhinweis

2719: An Carl Gustav von Brinckmann. Berlin, Dienstag, 24. 5. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006548 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

Download

Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen.

Kanonische URLDieser Link führt stets auf die aktuelle Version.

https://schleiermacher-digital.de/S0006548