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Dass ich bis auf Reimers Ankunft die weitläufigere Darstellung verschieben wollte, war ein Misverständniss. Lene Puttmann (?) hatte Reimers statt Raumer gelesen, und so glaubte ich, dass er früher herkäme – Ich will jezt versuchen deutlicher zu werden.

Die Frage war, wo ich einen ruhigen Sommer zu erwarten hatte, denn, obgleich Freundschaft und Zuneigung mir einen für die Lage der Dinge nicht unangenehmen Aufenthalt in Holstein , Hamburg und Lübeck bereitete, war doch die Unbequemlichkeit damit verknüpft, dass ich nur wenig arbeiten könnte – Theils wäre meine Ruhe überhaupt durch Umgang, durch wiederhohlten Wechsel des Orts, manchmahl durch häusliche Unbequemlichkeit, nur gar zu sehr gestöhrt, theils hatte ich Mangel um Bücher, und vermisste meine Bibliothek und meine Papiere auf die unangenehmste Weise. Meine Bücher sind fast alle durch mich bezeichnet und bilden mit meine Papiere eine lebendiges Ganze. Mein Fach ist Combination, Reviniscenz der Thatsachen | 25v und es ist mir nicht möglich etwas auszuarbeiten, wenn ich nicht im Mittelpunkt aller der Notizen lebe, die ich, nun seit fast 14 Jahren – seit meinem Schiffbruch, gesammelt habe. Ich kann Dir daher nicht sagen mit welcher Freude ich meine Bücher und Papiere begrüsst habe.

Doch – in Holstein konnte ich nicht länger bleiben – Wo also hin? Du meintest nach Berlin – Ich will offenherzig sein. Wie ich mich gegen Preussen aufgeführt habe weiss du. Als der Tilsiter Frieden geschlossen war meldete ich mich bei Massow; und erklærte ihm, dass ich bereit war die Befehle meines Königs zu erwarten, und wünschte auf irgend eine Weise für Preussen thätig zu sein. Man wandte sich an mehrere, an Wolf, an dich, an Reil , an Niemeier – an mich nicht. Ich gehe niemals nach Preussen, wenn ich nicht ein Wort von der Regierung höre. Ich weiss dass ich mæchtige Personen gegen mich habe, für mich nur den Wunsch wenig vermögender Freunde. Wenn ich nach Berlin gienge, wære es leicht möglich, dass man mir, wenn es zum Treffen käme, in die höflichsten Ausdrücke für überflüssig erklærte – Du bist Prediger, Niemeier , Pædagog, Reil Arzt – Solche Leute braucht man immer – ich nur Theoretiker, und so überflüssig, wie mein  Johann Reichardt
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Schwiegervater
| 26 den man gehen liess, obgleich er sich so sehr für Preussen erklärt hatte, und obgleich man vermuhten konnte, dass seine Existenz Gefahr liefe. Ich glaube gar nicht, dass man die Naturphilosophie für so wichtig bei einer Preussischen Universität hält, und von Stein erwarte ich, in wissenschaftlicher Rücksicht so wenig wie von  Mit S. ist vielleicht Johann Wilhelm Süvern gemeint.
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S.

  Vgl. Brief *2673.
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Du behauptest aber, dass ich lesen könnte
– Vielleicht – wahrscheinlich – und für wem? Hier kannte ich unter den Preussen, die meine fleissigen Zuhörer waren nur den einzigen Marwitz in zwei Jahren – Auf allen Fall, wenn wirklich eine Masse junge Leute mich in Berlin wünschten, so liessen sie mir es wissen, und ich wære gleich da – Denn – welche Aufopferungen fordert man von mir –  Johanna und Clara Steffens
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Ruhelos und Heimathlos trieb ich mir fast anderthalb Jahr mit Frau und Kind herum,
und nun sollte ich mich von ihnen trennen, ohne zu wissen, wo ich sie hinbringen, wie sie ihr Dasein fristen sollten – Berger nanntest du – Aber Berger ist ein armer Mann, besizt von seiner Stelle das wenigste, und lebte, selbst ehe der unglückliche Krieg im Norden ausbrach nur mit Sorgen, jetzt ist es sehr wahrscheinlich, dass er selbst in grosser | 26v Noth gerathen wird.

Glaube mir, lieber Schleiermacher, noch immer denke ich wie sonst – Auch diese Aufopferung bin ich bereit zu machen; aber ich muss wissen: wofür?

Um einigen jungen  lies: Leuten
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Leute
vielleicht als Lehrer nützen zu können? – Dieses vielleicht gilt auch von hier

Wie ich her reiste war es noch gar nicht meine Absicht hier zu bleiben. Ich wollte nur durchgehen, meine Sachen verkaufen, alles was dafür einkam meinen Creditoren geben, ihnen Rumohrs Caution für eine terminweise Auszahlung des restirenden gerichtlich zustellen, und nach Jena gehen.

Aber, als ich hier ankam fand ich alles anders, als ich dachte. Man erwartete von meiner Seite gar keinen Schritt, ich tratt stillschweigend in meiner Stelle ein – Etwas von meinem Gehalte werde ich gewiss erhalten und meine Creditoren haben mich gar nicht angesprochen. Wenn ich sehr eingeschrænkt lebe, kann ich diesen Sommer von dem eingebrachten, und etwas aus meinem Gehalte leben, und übrige erhalten sie. Vielleicht kommen Studenten und ich lese, und wenn irgend etwas eintræfe, was meinen Grundsatz | 27 zuwieder liefe, so bleibt mein Arrangement mit Rumohr und gehe weg.

Dabei habe ich meine Bücher und Papiere und kann arbeiten, was ich auch mit vieler Freude thue, ich habe eine Bibliothek, die mir wichtig ist, und Reil , der mir noch wichtiger ist, bei der Hand, ich habe die Meckelsche Sammlung , da der junge Meckel mein Freund ist, und ich lebe mit meiner Frau und meine Kinder, was mir wichtiger ist, als man glaubt.

 Steffens hatte Hoffnung auf eine Anstellung in München, vgl. Brief 2610, 34 f..
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Aus München habe ich zwar lange nichts gehört, glaube aber, dass alles beim Alten ist, kömmt etwas von daher, so bin [ich] da. Von Preussen auch dann –

Auf allen Fall kannst du überzeugt sein, dass ich nichts auf mich kommen lasse –

und damit wære, wie ich hoffe, ein scheinbares Misverständniss unter uns aufgehoben. Vgl. Brief *2673.
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Meine Frau hat in deinen leztern Briefe einen kältern Ton, als wären wir uns fremder geworden, gefunden – Ich gestehe dir, auch ich.
Lieber Schleiermacher! Bey dir kann nur die Überzeugung, dass du dich in mir geirrt hättest, Verænderungen der Art hervorbringen – Was du mir gewesen bist, habe ich niemals vergessen, und noch nie an dir gezweifelt. | 27v Du hattest sonst immer ein freundliches Wort für meine Frau, und sie sehnt sich nach der alten, bessern Zeit – Wenn irgend eine That da ist, glaube mir sie ist Aufopferungen zu bringen im Stande, die du kaum vermuthen solltest –

Ist irgendwo eine Opposition, die sich zeigen kann, ich gehöre ihr zu – Das Schimpfen ist mir aber zuwieder geworden. Muss nicht Preussen sein Schicksahl erwarten, von dem nehmlichen, von welchen auch ich es erwarte? Möge es sich so würdig betragen, wenn die Stunde der Prüfung kömmt, wie ich es zu thun gedenke – Oder glaubtest du dass ich mich von jemand gefallen liesse, was ich von meinen ursprünglichen Landesfürsten, dem ich ausserdem verpflichtet war, nicht duldete?

Ich arbeite an meine  Henrich Steffens arbeitete an dem Teil 2 seiner „Beiträge zur innern Naturgeschichte der Erde“ , dessen erster Teil 1801 erschienen war, vgl. Brief.
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Beiträge
und an dem  Wohl der erste Aufsatz in dem 1810 bei Hoffmann in Hamburg erschienenen Band „Geognostisch-geologische Aufsätze“ , er handelt von Salzquellen in Schleswig-Holstein.
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Salinen-Aufsatze
, dessen lezte Hælfte ich ganz umarbeite – Wundervolle Entdeckungen sind mir gelungen – Wenn Wuth und Leidenschaft den Menschen bethört, bleibt doch die Natur ewig heiter und gross. Giebt es andere Geseze, als ihre? | 28

 Friedrich Schleiermacher: „Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn“ (erschien zur Ostermesse 1808).
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Dein Aufsatz über die Universitäten
ist noch gar nicht hier. Ich sehne mich sehr danach –

 Steffens bezieht sich auf eine der von Adolph Ferdinand Gehlen herausgegebenen Zeitschriften: „Neues allgemeines Journal der Chemie“ (1803-1806: der 4. Bd. erschien 1804), das „Journal für die Chemie und Physik“ , ab 1807: „Journal für die Chemie, Physik und Mineralogie“ (1806-1810: der 4. Bd. erschien 1807).
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Du hast, habe ich hier erfahren, die Hefte des Gehlenschen Journals für mich gehoben. Das 2te Heft des 4ten Bandes habe ich nicht, man behauptet, dass du es hast. Es ist mir sehr wichtig, theils weil ich [das] ganze Journal von den ersten Anfang an vollständig habe, theils, weil dieses Heft einiges wichtige enthält.

Blanc meint dass deine Bücher mit die Sachen [mitkommen] können. Du wirst mir erlauben deinen  wohl ein Buch von Abraham Gotthelf Kästner
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Kästner
noch eine kurze Zeit zu behalten. Ich schicke dir ihn mit der Post. –

Adieu, lieber, und schreib bald.

Die Giebichensteiner und Hanne grüssen dir und  Anne (Nanny) Schleiermacher
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Nanny

H Steffens

Die Gehalte erhalten wir wohl ehestens, aber provisorisch aus dem Schaz, also auf eine unsichere Weise. Ich, wie Möller versichert, von Januar an. Der Etat über die Universitäten ist einge | 28vreicht – Die Folgen werden sich bald zeigen.  Vgl. Brief *2673.
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Die Gerüchte, die du erfahren hast, sind ganz falsch. Möller war nur der Studenten-Unruhen wegen in Göttingen.
Viele Hofnungen habe ich aber nicht. Die Studenten, die sich gemeldet haben, sind nur hiesige, Pædagogisten, einige übrigegebliebene – 35 an der Zahl. Kein Fremder

Zitierhinweis

2682: Von Henrich Steffens. Halle, vor dem 10. 4. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006511 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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