Hern Doktor Schleiermacher [Autorfußnote Bl. 49v]

Anklam, den 27ten Märtz. 8.

Wir sind am Mitwoch hier glüklich angekommen und ich kann es nicht länger anstehen laßen, Ihnen liebster Schleiermacher einige Nachricht von uns zu geben. Ich danke wircklich Gott, daß der Abschied von Stettin überstanden ist. Schon äußerlich war die Last des Pakkens, die Unruhe der Auktion und womit sonst die Tage ausgefüllt werden mußten so groß, daß ich mir so etwas nicht noch ein mahl in meinem Leben wünsche. Aber recht sehr schwer ist es mir geworden, mich von so vieljährigen Freunden und guten Menschen zu trennen, unter denen ich gewiß den glüklichsten Theil meines Lebens vollbracht habe und die es an nichts mangeln ließen, uns zu zeigen, wie werth wir ihnen waren. Ich habe auch heute vor 8 Tagen noch eine förmliche Abschiedspredigt über 2 Corinther 13,11 vor einer großen Menge Zuhörer und Abendmahl mit gewiß 500 Theilnehmern gehalten, um meine ehemahlige Tätigkeit auf eine vernünftige Weise zu beschließen. | 48v

Ich gehe nun einem neuen Abschnitt meines Lebens entgegen; aber leider kann ich mich gar nicht darauf freuen, wie man es doch sonst wohl in solchen Fällen zu thun pflegt. Tätigkeit und Beruf sind gar köstliche Dinge und ich weiß sie wohl zu schätzen; wenn aber darneben alles verlohren geht, deßen man sich zu freuen hatte, so kömt man sich am Ende doch nur als ein Sklave vor, dem man absichtlich nichts übrig läßt, als die Hände, womit er die Lasten fortschleppen soll. Und Kinder zu haben und zu erziehen, ist doch auch wohl ein Beruf. Wer mich an mein künftiges Amt verweist zum Trost in meinem Gram der ist doch eben nicht beßer, als wer mir sagen wollte, ich hätte meine Kinder verlohren, um mich nach Berlin schikken zu laßen und dort Diakonus zu werden. Schelten Sie nicht, liebster Schleiermacher über diese Gedanken; sie quälen mich nicht wenig, und wenn es vielleicht unvermeidlich war, sie in Stettin und hier wieder recht lebendig werden zu laßen, so muß ich Ihnen doch gestehen, daß obgleich es in wenigen Tagen ein Jahr sein wird, | 49 seit ich meinen Heinrich verlohr, doch die Zeit über den Schmerz so wenig vermogt hat, daß er mir heute noch eben so neu ist, als beim ersten Anfange und ich in dieser Rüksicht recht bange bin vor der Zukunft –

Wir sind äußerlich gesund und Wilhelmine hat die Anstrengung und Unruhe noch beßer überstanden, als ich glaubte. Es würde mir nun ganz recht sein, wir könnten in wenigen Tagen von hier reisen, damit mögten aber andre Leute nicht zufrieden sein und so wird es denn wohl bei dem Termin bleiben, den ich schon habe setzen müßen. Wir führen sonst ein erträglich Leben und denken viel an Sie und unsre übrigen Berliner Freunde. Schreiben Sie uns auch mahl, daß Sie gesund sind und wie es sonst dort zusteht und ob wir Berlin anders wiederfinden, als wir es verließen. Hier sagt man, in Schweden sei eine Revolution ausgebrochen und der König gefangen genommen. Gewiß aber dürfen wir wieder großen Vorfällen entgegensehen; und wie wird alles enden?

Tausend Grüße von uns allen an Sie und Nanny . Leben Sie wohl!

Gaß.

Zitierhinweis

2669: Von Joachim Christian Gaß. Anklam, Sonntag, 27. 3. 1808 . In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006498 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

Download

Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen.

Kanonische URLDieser Link führt stets auf die aktuelle Version.

https://schleiermacher-digital.de/S0006498