Berl. d. 13t. Febr. 8.

Wunderbar lange her ist es liebste Freundin daß ich gar nicht mit Ihnen geredet habe. Aber diese trübe Zeit sucht die Lust an Störung und Verwirrung die ihr Hauptcharacter ist auch so weit als es möglich ist an dem innersten und liebsten zu kühlen was der Mensch hat. Ich fühle das recht an mir. Denn wiewol ich meinen Freunden gewiß eben so ganz und herzlich angehöre wie immer so bin ich doch von den entfernten äußerlich mehr getrennt als je. Wie alles theuer ist jezt, so auch die Zeit; alles was ich unternehme kostet die doppelte und dreifache, so daß ich mich oft erschrekke wenn ich zusammenrechne wieviel ich zu irgend einer Kleinigkeit verbraucht habe. Und darüber ist dann das Briefschreiben das was am ersten und meisten zu kurz kommt. Kommt nun gar noch dazu daß man vorsichtig sein soll und hüten daß nicht ein dritter für den sie gar nicht da sind keinen Anstoß nehme an Worten der Freundschaft, deine  über der Zeileeine Sache der ich im Leben grade eben so wenig gewachsen bin wie im Schreiben, dann hält es doppelt schwer daß ich zum Schreiben komme. Es macht mich recht traurig daß die Verhältnisse zwischen Frankreich und Schweden jezt wieder so strenge Maaßregeln herbeigeführt haben daß nicht einmal ein Notenblatt ungeöfnet und unbesichtigt zu seiner Adresse gelangen kann. So weiß ich I nun auch nicht wie ich Ihnen | 28v Auskunft geben soll über etwas was Sie mir schon im Sommer schrieben daß Sie doch bald wünschten mich zu meinem Wirkungskreise in Halle zurükgekehrt zu sehn. Damals existirte er freilich gar nicht, und ich war hieher gegangen weniger um mich mit unseren Freunden zu ergözen als um mir interimistisch einen Wirkungskreis hier zu suchen, Collegia zu lesen und bisweilen zu predigen was ich denn auch gethan habe. Nun scheint freilich Halle wiederhergestellt zu werden; aber ich fürchte auch es scheint nur, und wenn man auch hinter den Wenigen welche sich von dort auf eine so interimistische Art entfernt haben nicht die Thüre verriegelt hätte, wie man doch gethan hat: so würde ich doch nicht dorthin zurükgekehrt sein. Ich hätte es nicht ausgehalten, an der Stelle, wo ich soviel Schönes sich entwikkeln sah, einer höchst dürftigen untergeordneten einem fremden Geiste dienenden Anstalt anzugehören und mich in meinem liebsten Geschäft durch Grundsäze beschränkt zu sehen, welche ich nicht zu den meinigen machen kann. Ich lebe also auch hier den Winter über wie im Sommer, lese ein Collegium, predige, arbeite dabei noch mancherlei, freilich bis jezt nicht mit dem größten Fleiß und dem glüklichsten Erfolg, und mache soviel Schulden als ich muß und kann, indem jezt nicht möglich ist von gelehrten Arbeiten allein zu existiren, geschweige sich von einem Ort an den andern zu verpflanzen und ein neues wenngleich noch so kleines und beschränktes Hauswesen einzurichten. Doch genug davon wenn Sie nur im allgemeinen wissen wie ich lebe und was ich treibe.

Wir haben ja etwas Schöneres und Erfreulicheres das baldige Leben unserer Freundin mit Ihnen. Sie | 29 glauben es mir wol leicht, daß sich lange in dem Kreise meiner Lieben keine so erquikliche Aussicht eröfnet hat als diese. Einen schöneren Ausgang konnte die gute Jette nicht finden aus dem kleinen Labyrinth von Planen und Entwürfen in welches die Umstände sie verwikkelt hatten, und es ist gewiß selten daß wer nur einen Nothbehelf sucht statt dessen eine so herrliche Verschönerung des Lebens findet. Was wir uns lange gewünscht hatten einige Wochen lang kosten zu können, das kann Jette nun mit vollen Zügen und auf eine noch schönere Art genießen weil sie nicht ein Gast sondern einheimisch bei Ihnen sein wird. Und wiewol ich weiß wie herzlich sie mich lieb hat und wie viel es ihr werth ist mit mir zusammenzusein so kommt es mir doch gar nicht einmal als eine kleine Verringerung ihres schönen Lebens vor daß sie mich nun grade hier in Berlin zurükläßt. Sie ist gewiß nirgend so wenig von mir getrennt als wenn sie unter Euch ist Ihr lieben Freunde, die Ihr mich eben so herzlich liebt, und unter denen ich so gern und ganz bin mit meinem Herzen. Was ich ihr nun zunächst wünsche, ist ein recht schönes Frühjahr mit milder Luft, damit sie es gehörig genießen kann. Naturgenuß ist ihr ein großes Bedürfniß; aber es  über der Zeilesie ist leider etwas genirt darin durch ihre Gesundheit, und wiewol sie sich eigentlich eben so wenig vernachlässigt als sie auf der andern Seite etwa zu ängstlich wäre so kann ich mich doch nicht enthalten Sie zu bitten liebe Charlotte daß Sie auch einige Aufsicht über sie führen damit sie sich nicht durch ihre Lust an dem Sein und Leben im Freien und durch die noch dazu kommende an den Kindern in üble Händel mit ihrer Gesundheit verwikle, die um so bedenklicher wären da sie dort keinen mit ihrer Natur bekannten Arzt findet. Sie kann besonders für ihre Brust die gar leicht auf eine ihr eigenthümliche und | 29v wirklich etwas ängstliche Art leidet, den Wind, wenn er irgend rauh ist, gar nicht vertragen, und Ihre Mitaufsicht scheint mir um so nöthiger da sie selbst die verrätherische Natur des Seewindes noch gar nicht Gelegenheit gehabt hat recht kennen zu lernen.

Wenn es möglich wäre müßte ich Jette um Sie und Sie um Jette beneiden; aber ich kann mich doch nur auf das herzlichste freuen über das schöne Leben welches Sie zusammen führen werden, und daß Jette endlich einmal das Glükk genießt so recht ordentlich leben zu können in einer Familie die sie so herzlich liebt. Wäre es mir nur vergönnt im Sommer auf ein Paar Wochen herüber zu fliegen um es mit anzusehen, mich mit Euch Allen zu freuen und meiner guten  über den ursprünglichen Text geschriebenmeine gute Schwester auch in den schönen Rüganischen Kreis einzuführen! aber leider sehe ich noch gar nicht wie das sollte möglich zu machen sein.

Henriette Herz trat zu Ostern 1808 eine Stelle als Erzieherin bei Charlotte von Kathen an. [Diese Sachanmerkung in Z. 82 f. ist versehentlich im Haupttext abgedruckt.]

Grüßen Sie Ihr ganzes Haus von mir auf das herzlichste liebste Charlotte und Jettchen und Luise und unsere gute Pistorius . Jettchen schreibe ich gewiß recht bald sie hat mich recht erquikt mit ihrem lezten Briefe . Daß Sie jezt von fremden Gästen befreit sind ist ja etwas vortrefliches der Himmel erhalte Sie recht lange dabei.

Zitierhinweis

2634: An Charlotte von Kathen. Berlin, Sonnabend, 13. 2. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006463 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

Download

Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen.

Kanonische URLDieser Link führt stets auf die aktuelle Version.

https://schleiermacher-digital.de/S0006463