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den 11ten Febr.

Sie wissen nun längst, bester Schleiermacher, wie alle meine frohen Hoffnungen von Wiedervereinigung und wiederaufblühen unseres alten Lebens mit einemmahl zerstöhrt sind, ich sage Ihnen nicht was ich seit einem Monath gelitten habe; wenn ich an meine   Johann Friedrich Reichardt und seine zweite Frau Johanna Reichardt
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Eltern
denke freue ich mich ihres Glücks und da es seit mehreren Jahren das einzige wahre Interesse meines Lebens ist sie glücklich zusehn so hoffe ich daß Gott mir helfen wird die Entfernung von Giebichenstein zu ertragen ohne meine Heiterkeit und Gesundheit, die mir eine Zeitlang viel Sorge gemacht hat, zuverliehren. So lange wir hier waren schien es mir immer als wären wir auch von Ihnen noch nicht ganz getrennt, bester Schleiermacher und von Steffens und so vielen Geliebten Freunden | 15v das muß mann nun alles vergessen um noch leidlich existieren zukönnen. Was mir die Trennung seit einigen Tagen von neuem sehr traurig macht ist daß auch Steltzer aus Hildesheim nach Halle versetzt wird und schon in 4 Wochen mit meiner liebsten Schwester hier sein wird. Seit ihrer Verheurathung war es unser beyder gröster Wunsch noch einmahl wieder an einem Orte zu leben.   Johann Reichardthatte eine Stelle als Dirigent der Oper am westphälischen Hofe in Kassel erhalten.
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So werden wir dies Glück also nur kennenlernen um es zu entbehren, denn leider hat Vater schon vom 1ten Aprill an eine geräumige Wohnung für uns gemiethet und Ende May ist der letzte Termin unserer Abreise. Es giebt nun bis dahin noch so unendlich viel zu thun, da wir Haus und Garten an eine gute Familie zuvermiethen hoffen und unsre Meublen die den Transport nicht werth sind alle verkauffen und Gott weiß wie vielerlei Sorgen ein solches Umziehn mit sich bringt, so daß | 16 fast an keinen ruhigen Genuß mehr zudenken ist.

Die Ursache warum ich Ihnen heute schreibe ist eigentlich Steffens. Wir wüsten so gern ob Sie etwas sichrer hoffen können ihn nach Berlin zuziehn, was ausser Coppenhagen jetzt fast unsere einzige Aussicht für ihn ist. Niemeier macht uns nicht die geringste Hoffnung zu Auszahlung des Gehalts auch zweifelt mann wieder ganz daß hier etwas aus der Universität wird, und ich sehe nicht wie wir [sic] Steffens Existenz hier und der armen Hanne ihre nur leidlich werden kann, und wir können daher nicht ohne Besorgnis an Ihre Ankunft deren Bestimmung wir mit jedem Tage entgegen sehen denken. Wenn Sie uns etwas tröstliches darüber sagen können bester Schleiermacher so thun Sie ja recht bald es wäre zu traurig wenn die kurze Zeit des Beysammenseyns uns noch dadurch getrübt werden sollte, und vergessen Sie Ihren | 16v vortreflichen Vorsatz nicht im Frühjahr noch einmahl herzukommen, wer weiß wann wir uns dann wiedersehn. Wir wollen dann alle Sorgen vergessen und noch einmahl von Herzen froh sein. Wie werde ich mich freuen wenn ich einige Zeilen von Ihrer Hand erhalte, die unter allen beruhigenden Mitteln die ich anwenden mag immer das sicherste sind. Nach  Friedrich Schleiermacher: „Predigten. Zweite Sammlung“ (1808)
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Ihren neuen Predigten
tragen wir auch herzliches Verlangen wir sehn niemand denn [sic] mann nur danach fragen möchte ob sie schon erschienen sind, wir sind überhaupt diesen Winter so ganz isoliert wie nie in unsrem Leben; aber wie viel mehr mann dabey erleiden kann das ist auffallend, ich habe oft diesen Winter gedacht daß ich in früheren Zeiten gewiß ins Kloster gegangen wäre so beruhigend für mein ganzes Weesen ist ein so einsames stilles Leben, freylich jetzt ist mir die nahe Reise gewiß eben | 17 dadurch so schrecklich –

Ich möchte noch das ganze Blatt anfüllen mit herzlichen Grüßen für die Herz und   Anne (Nanny) Schleiermacher
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Nanny
und  Bei „Mine“ könnte es sich um Wilhelmine Wolf, die zum Sängerinnen-Kreis um Luise Reichardt gehörte, um Wilhlemine Schede oder Wilhelmine Alberti handeln .
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Mine
, die beyden lieben Mädchen sollen doch schreiben.  Friederike Reichardt
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Rieke
ist oft recht traurig darüber daß sie sich von beyden so vernachlässigt sieht denn sie ist so treu in ihren Anhänglichkeiten. Grüßen Sie Nanny besonders und bitten Sie sie uns doch einmahl recht ausführlich von Ihrem [sic] Leben in Berlin zu schreiben wir haben sie so lieb daß wir immer nicht lassen können zu glauben daß sie auch etwas von uns hält. Zu Mine habe ich schon etwas mehr gutes Zutrauen; aber gescholten muß sie eigentlich doch auch werden.

Seyn Sie tausendmahl gegrüst bester Schleiermacher und erfreuen Sie | 17v mich bald mit einigen Zeilen die uns vieleicht etwas tröstliches über Steffens sagen. – Vater geht es fortan wohl, nur sehr viel lästige Mühe und Arbeit macht ihm die neue Organisation des Gartens was er in sehr schlechten umständen gefunden. Er hat  lies: auch
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auf
noch 1000 Livres Zulage bekommen Zu Wohnung und Wagen und ich hoffe er soll sich mit der Zeit recht wohl an dieser Stelle fühlen daß ist bey all den schrecklichen Zerstöhrungen noch mein einger Trost. Vergessen Sie uns nicht bester Schleiermacher und halten Sie ja Ihr Versprechen.

Louise

Zitierhinweis

2633: Von Luise Reichardt. Giebichenstein, Donnerstag, 11. 2. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006462 [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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