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Krempelsdorf. den 16 Jan. 1808

Lieber Schleiermacher! unsere Lage næhert sich ihrer gefæhrlichsten Krise – Kaum wird in Preussen irgendetwas für uns zu hoffen sein – und ich wenigstens muss nothwendig zugreifen. Von Cassel aus hat mir Reichardt geschrieben. Man sucht von allen Ecken die Universitæt zusammen. Unter uns gesagt – denn vielleicht ist es in Berlin nicht laut geworden – Wolf selbst hat an Dohm geschrieben und sucht zurückzukommen. Reichardt schreibt, dass diejenigen Professoren, die in Halle geblieben sind, vorzugsweise beibehalten werden sollen, und dass man die alte Zahl der Professoren für zu gross hælt. Dabei muss man noch sinnen ein Drittel des Fonds zusammenzubringen, die man nicht hat. Man hat Reichardt gefragt, ob du, zurück kommen wollest – Er hat ja gesagt, ohne allen Zweifel mit Recht – Denn sein Ja bindet dich nicht, wenn du nicht willst, eröfnet aber den Weg zu Unterhandlungen, wenn du willst. Was mir betrifft so haben Müller , Dohm und Niemeyer versprochen mich als unentbehrlich für die Universitæt vorzustellen. Den lezten traue ich nicht ganz. Dich hat man unaufgefordert genannt, wenn ich nicht irre, mich nur auf die Aufforderung von Reichardt . Dass Müller und Dohm mir wohlwollen weiss ich. An Dohm habe ich, aber sehr bestimmt und deutsch, geschrieben, wie früher an Müller, und habe darauf aufmerksam gemacht, dass ich billigerweise, vor allen andern, als einer anzusehen wære, der seine Stelle nicht verlassen hat, indem ich meine häusliche Einrichtung in Halle noch habe, nur durch åussere Umstænde, und durch die Niederkunft meiner Frau | 16v gehindert wurde zurückzukehren, zu meine Freunde und Verwandte meinen Zuflucht nehmen musste, um mich gegen gänzlichen Mangel zu schüzen, mich aber an Oerter aufhielt, wo keine Aussicht zu irgendeiner Anstellung für mich war,   Steffens war im März 1807 nach Kiel gereist, wo er sich mit dem dänischen Prinzregenten Friedrich traf und mit diesem eine heftige Auseinandersetzung über die Konditionen einer möglichen Anstellung in dänischen Diensten führte, die Steffens schließlich von sich wies, vgl. Henrich Steffens: „Was ich erlebte“ (1840-1843), Bd. 5, S. 235–249.
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und dabei eine ansehnliche Anstellung in Dännemark ausgeschlagen hatte
– Weiter wollte ich nicht gehen, denn ich will die Hofnung, wenn eine da ist, in Preussen angestellt zu werden, nicht aufgeben, und gebe dir in dieser Rücksicht freie Hand zu thun was dir gut dünkt. Doch gestehe ich, dass ich seit Wolf sich an Dohm gewandt hat, nur geringe Hofnung habe – Ich habe ausdrücklich geschrieben, dass es mir von Wichtigkeit wære zu erfahren, ob du auch nach Halle kämst – –   Schelling bemühte sich, Steffens eine Anstellung an der Universität in München zu verschaffen, vgl. Henrich Steffens: „Was ich erlebte“ (1840-1843), Bd. 5, S. 282 f., vgl. dazu auch den Brief Steffens’ an Schelling vom Januar 1808, in: Schelling, „Briefe und Dokumente“, Bd. I, 1962, S. 402.
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Dabei habe ich gegründete Hofnung nach München zu kommen
, und alles wohl erwogen, ist dieses doch fast das Angenehmste, wenn es nicht in Halle besser würde als wir hoffen dürfen. Auch würde, wenn man mich sonst wirklich in Halle zu besizen wünscht, eine Vocation aus München, wenn ich sie auch nicht annähme, sehr wichtig sein. Du kannst Dir denken, wie gespannt ich bin – Ob wir wieder vereinigt werden? Ob aus den Trümmern des Vergangenen ein stilles, ruhiges Gebäude hervortreten soll? Das wilde Leben muss enden,  korr. v. Hg. aus: dassdas ist gewiss, und zur ruhigen Treue, nicht zum Dreinschlagen sind wir da – Wenn man wirklich Teutschland bliebe und nur äussere Zufälligkeiten sich änderten? O Freund! wie glücklich wære ich, wenn wir wieder, stillwirkend, verbunden wæren? –

 Es geht um eine für die Steffens unangenehme Kollekte, die Frau Sieveking unter ihren Bekannten und Freunden vorgenommen hatte, vgl. Steffens Brief an Schleiermacher vom 22.12.1807, Brief 2595, 5-15, KGA V/9.
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Die Sache mit Sieweking ist freilich mir etwas hæmisch vorgestellt – aber rein ist sie nicht. Ich entschuldige sie, und thue, was ich mir selber schuldig bin, doch habe ich die Sache auf eine solche Weise eingeleitet, dass das freundschaftliche Vernehmen, keinesweges aufgehoben wird.
 Johanna Steffens
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Hanne
kömmt in einer Woche etwa, hierher, und wir machen uns bereit, so bald es nöthig sein sollte, nach Halle zu gehen – Rumohr ein braver, herrlicher Junge, würd mir Geld leihen. | 17

Ob also Preussen , ob Halle , ob München ? – ist noch ungewiss.

 Bei dem an Schelling versandten Aufsatz handelt es sich wohl um den Aufsatz „Ueber die Vegetation“, der in den von Schelling herausgegebenen „Jahrbücher[n] der Medicin als Wissenschaft“, H. 2 (1808), S. 127–197 erschien (vgl. auch den Brief Steffens’ an Schelling vom 14.1.1808, in: Schelling, „Briefe und Dokumente“, Bd. I, 1962, S. 400); bei den Papieren um die Notizen zu den „Beiträge[n] zur inneren Naturgeschichte der Erde“ handelt es sich um den geplanten Teil 2, Teil 1 wurde 1801 veröffentlicht. Welches Werk des Arztes und Chemikers Jakob Josef Winterl Steffens las, bleibt ungewiss. Der erste Aufsatz in dem 1810 bei Hoffmann in Hamburg erschienenen Band „Geognostisch-geologische Aufsätze“ handelt von Salzquellen in Schleswig-Holstein.
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Ich bin fleissig. Ein Aufsaz an Schelling ist abgegangen , und ich studiere nun den Winterl – eine schwere Arbeit, um meine viele Papiere zu den Beiträgen zu ordnen. Mit den Salinen-Aufsaz geht es sehr fatal.
Ein Bogen muss nothwendig umgedruckt werden, und der Beschluss erlahmt an einer Schwierigkeit, die ich in diesem Augenblick, troz aller Anstrengung nicht zu heben vermag. Ich fühle es wohl, dass ich fast ein gar zu gewissenhafter Schriftsteller bin –

Hanne grüsst dich tausendmahl. Die Kinder sind gesund – Denke dir, ich habe sie nun, in zwei Monate nicht gesehen, nur in drei Monate nur 2–3 Tage –  korr. v. Hg. aus: dassdas ist in der That zu hart. Grüss alle Freunde – Den Reimers zumahl. Möchte uns das Schicksal wieder vereinigen? Dein

H Steffens

Liebster Freund! ich hatte diesen Brief schon versiegelt, als ich  Der Brief wurde wohl zusammen mit Brief *2586, KGA V/9 an Johanna Steffens verschickt.
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deinen lezten
erhielt. Wohl ist es von vielen Seiten bedenklich – Doch ist die Münchner Sache noch immer die beste, wie mir scheint. Du kannst doch nicht leugnen, dass man sich in Preussen schlecht gegen mich benommen hat, denn da man mein Verhalten kannte – oder kennen sollte – so muste ich etwas anderes erwarten – Indessen ich bin bereit für Preussen zu leben – Auch Reil hat mir wissen lassen, dass er wenn er nach Preussen gienge, mich mit zu haben wünschte und hat mich freundlich gewarnt. Es mag sich entwickeln. Ich habe mit allem Ernst und Andacht mich an Gott gewandt, dass er mein Inneres und mein Bestreben rein erhalten möchte in solchen bedenklichen Zeiten – Der Sache, der ich mein Dasein geweiht habe, werde niemals ungetreu – Dann, lieber, guter Freund – sind wir ja doch ewig verbunden. Denn was verbindet uns sonst?

 Vgl. Henrich Steffens: „Beyträge zur innern Naturgeschichte der Erde“ (1801), S. 70; „Grundzüge der philosophischen Naturwissenschaft“ (1806), S. 120. Schleiermacher hat es mutmaßlich im oben genannten Brief *2586, KGA V/9 geschrieben.
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Was du über die Reduktion der Alcalien schreibst, hat mich ausserordentlich überrascht – Ich verstehe es kaum, und beschwöre dir | 17v mirs wissen zu lassen, wo und auf welche Weise das Experiment angestellt ist. Ja mit der næchsten Post, wo möglich der Aufsaz selbst – Ist was ich ahnde, so ist es die Erfüllung einer tiefen Divination, die in meine Beiträge und Grundzüge vernehmlich genug geäussert ist.
 Der Mineraloge Carl Abraham Gerhard war Gründer der Berliner Bergakademie .
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Weniger hat mich dein Gespræch mit Gerhard gerührt. Die Hauptquellen, die er meint sind wahrscheinlich die in der Grafschaft Mark aus dem Chloridschiefer, und im Bodethal, in der Næhe von Rosstrapp aus dem Granit entspringende kleine Quellen, vielleicht noch ein paar andere dazu. Ihm ist dieses ein Rätsel, weil, wie ich weiss, ihm die Hauptübersicht des allgemeinen Niveau’s fehlt. Auf die Rosstrapper Quelle hat er sich lange berufen, wie ich auch weiss.
Über die Alcalien, liebster Freund, muss du mir die eiligste Nachricht zukommen lassen.

Zitierhinweis

2610: Von Henrich Steffens. Krempelsdorf, Sonnabend, 16. 1. 1808. In: schleiermacher digital / Briefe, hg. v. Simon Gerber und Sarah Schmidt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://schleiermacher-digital.de/ediarum_pzwei/rest/db/projects/schleiermacher/web/briefe/detail.xql?id=S0006439&view=k [Druck: KGA V/10, Berlin 2015]

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